Woran mangelt es nicht-religiösen Schulkindern?

„Gott erlegt uns keine Prüfungen auf, ohne uns zugleich die Kraft zu geben, sie zu ertragen.“ 

Andere Religion, der gleiche Gedanke etwas deutlicher ausformuliert:

„Wenn Allah dich wahrhaftig liebt, dann wird er dich prüfen. Nur durch Prüfungen sieht Allah, wer wirklich standhaft in seiner Religion ist und sich geduldig ergibt und wer es nicht tut. Wisse, nur die Geliebten Allahs werden geprüft. Wenn du ein belangloses Leben ohne Prüfung, Schmerzen und Härten führst, so musst du an dir zweifeln und deinen Glauben überdenken.“

Die reale Welt, die einzige, von der wir sicher wissen, dass wir sie haben: In jeglicher Hinsicht, von Reichtum über Armut, ein großes Prüfungswerk eines imaginierten wahren Herrschers, der darüber misst, wie sehr man das Leben in der imaginierten Welt („Paradies“) verdient hat. Und je härter die Prüfung, umso größer die Liebe des imaginierten Herrschers: Er traut einem eben noch mehr zu, als anderen; bei den glänzenden Aussichten auf paradiesische Zustände kriegt man angesichts von Verarmung, Ausbeutung und Obdachlosigkeit glatt freudig glänzende Augerl. Man ist als total verarmte und ausgebeutete Sau für den wahren Herrn eben was ganz besonderes. Nur brav untertänig geduldig sein, alles unwidersprochen ertragen, dann wird alles gut. Nach dem Ableben nämlich.

Manch einer mag sich schon gefragt haben, wieso Staaten rund um die Welt auch im 21. Jahrhundert noch Religionen unterstützen. Das ist die Antwort. Man weiß es eben schon zu schätzen, wenn die Zustände, die man herbeiregiert (Menschenwerk), als (Prüfungs-)Werk Gottes legitimiert werden. Dann ist nämlich sich fügen und prüfen lassen angesagt.

So, und nur so, kommt man zur Definition nicht-religiöser Schulkinder als Mängelwesen, denen es an notwendiger geistiger Orientierung fehle, nämlich an der, noch jeden Zustand im Hier und Jetzt als zu akzeptierend zu bejahen.  Dahinter schlummert ein Generalverdacht, und der besagt nicht weniger, als dass im Nachwuchs der Agnostiker und Atheisten der Geist des Aufstands schlummere. Was natürlich eine ordentliche Über- bzw. Fehleinschätzung ist.
Aber so, und nur so, kommt man auf die Idee, einen Pflichtgegenstand Ethik einzuführen – nur für die Kinder, die keinen Religionsunterricht besuchen. So wie aktuell in Österreich die Koalitionsverhandler von Schwarz-Blau. Die kleinen Atheisten und Agnostiker müssen daher in Zukunft einer weltlichen Version der Mär von der Prüfung Gottes ausgesetzt werden.

Was übrigens auch heißt: Es wird bald noch viel mehr geben, was man sich als Prüfung schönzureden hat.

PS:

Es saß mit breitem Hinterteil
Der Dicke auf dem Dünnen
Und sprach zu ihm: Jetzt können wir
Demokratisch zu reden beginnen.
Du weißt, ich hasse die Despotie
So, wie die Aufruhrgewalten:
Es möge jeder seinen Platz
An der Sonne in Frieden erhalten.
Drum bin ich dagegen, daß wir uns entzwei‘n,
ich hasse Kanonen und Lunten.
Wir wollen gut pazifistisch sein,
Ich oben und Du unten!
Im Jenseits tauschen wir dann den Platz,
Dort will ich Dich gerne tragen –
So sind die Lasten gleich verteilt,
Du kannst Dich nicht beklagen.
Einstweilen jedoch ist der status quo
Die wichtigste Ordnungsstütze:
Drum bleib‘ ich mit meinem Prachtpopo
Auf angestammtem Sitze.

Franz Carl Weiskopf: Demokratie

 

Open borders

Ein Twitterkommunist meinte:

open borders Politik macht auch alle ärmer … erklär das mal den linksliberalen Keks

Diese Aussage ist aus mehreren Gründen falsch.

  1. „Alle“ werden ärmer? Das möchte ich mal sehen! Behauptet der Knilch aber selber nicht im Fortgang, denn da ist dann von der Konkurrenz am Arbeitsmarkt die Rede. Immerhin: das falsche „alle“ wird so zurückgenommen.
  2. Was heißt Konkurrenz am Arbeitsmarkt? Menschen, die nichts ihr Eigen nennen außer ihrer Arbeitskraft, also der Möglichkeit zur Reproduktion beraubt sind, müssen Menschen finden, die ihnen ihre Arbeitskraft abkaufen. Diese machen das freilich nicht aus Menschenliebe, sondern weil es sich für sie rentiert: unbezahlte Mehrarbeit als Quelle des Gewinns. So bescheiden die proletarische Revenuequelle.
  3. Lohnarbeit ist somit das Mittel der Kapitalisten zur Einsaugung von Mehrarbeit und damit der Schaden der Proleten. Die Gegnerschaft bekommen auch Proleten, die keine Kritik am Kapitalismus haben, tagtäglich ganz praktisch zu spüren: Für Kapitalisten ist der Lohn ein notwendig zu leistender Vorschuss – nur so kommen sie an Proleten, die sie reicher machen sollen und deren Arbeitskraft sie dann kommandieren können -, gleichzeitig aber ein Abzug vom angestrebten Gewinn und damit stets knapp zu halten und zu senken: durch Steigerung der Arbeitszeit bei gleichbleibendem oder sinkenden Lohn sowie durch Einsatz von Maschinerie zur Freisetzung von Proleten bei gleichzeitiger Intensivierung der Arbeit für die verblieben Proleten.
  4. Das Elend der heutigen Arbeiterklasse ist, dass sie nicht erkennt, dass da sein gegnerisches Interesse mit aller Brutalität gegen sie durchsetzt wird und dementsprechend mit der notwendigen Gegenwehr beginnt, sondern man sich stattdessen dem kapitalistischen „Schicksal“ untertänigst fügt oder – noch schlimmer – Lohnarbeit sehr oft sogar als einzigartige Chance missversteht. Aller schönen Beschäftigungsideologie zum Trotz gestaltet sich das Proletenleben aus genanntem Grund nicht allzu schön – und die Proleten meinen leider nur allzu gut zu wissen, woran das liegt: nämlich an Ihresgleichen im Allgemeinen und an Proleten ausländischer Herkunft im Besonderen. Nicht die Kapitalisten, die aus ihnen Mehrarbeit rauspressen, seien der Gegner, sondern die anderen Proleten seien an ihrer Misere schuld.
  5. Man fragt sich schon, wie das gehen soll: Dass die Behauptung falsch ist, könnte man alleine daran merken, dass es die Kapitalisten sind, die Löhne zahlen & senken und Proleten im Zuge der Produktivitätssteigerung zum Zwecke der Senkung der Lohnkosten pro Warenstück auf die Straße setzen. Proleten verfügen überhaupt nicht über die Möglichkeit, andere Proleten zu verarmen: „Mit der ausschließlichen Verfügung über die Produktionsmittel und damit über die Produkte erhält der Reichtum die Gewalt, anderen die Existenz zu bestreiten.“ Es sind also die Kapitalisten, die mit dem zynischen Hinweis auf die von ihnen verarmten und überflüssig gemachten Proleten die Proleten immer weiter verarmen.
  6. Wer andere Proleten als Gegner in den Blick nimmt, streicht damit die eigentliche Ursache des Proletenelends durch. Weder der Prolet Otto, noch die Proleten Ali oder Ülkü sind die Ursache der proletarischen Armut – sie sind im Gegenteil selber Opfer der Erpressungsmacht der Kapitalisten! Wer propagiert, dass der Zuzug ausländischer Proleten die Ursache für wachsende Armut sei, der bewegt sich im nationalistischen Sumpf zwischen Sozialdemokratie und AfD und erklärt seinesgleichen zu Gegnern statt sich mit ihnen zu verbünden, um die gegnerische Erpressungsmacht aus der Welt zu schaffen. Denn auch bei Zuzug ist die Ursache des Elends die Erpressung der Kapitalisten: die Schar an Überflüssigen verdankt ihre Existenz nur dem Privateigentum an Produktionsmitteln, ganz egal, woher die Proleten stammen! Dass Kapitalisten dann perfide auf die von ihnen produzierten Arbeitslosen verweisen, wenn es ums weitere Lohndrücken geht, streicht das nicht im geringsten durch – man ist ganz schön blöd, wenn man dieser Lüge der Kapitalisten aufsitzt!
  7. Die Wahrheit über die kritisierte Aussage ist somit auch, dass der, der sie tätigt, gar keine Kritik an Lohnarbeit an sich hat, sondern sich nur darum sorgt, seine Revenuequelle Arbeitskraft nicht „ordentlich“ bedienen zu können. Was der Fehler daran ist, sollte längst geklärt sein: Die Bedienung der proletarischen Revenuequelle ist immer und notwendigerweise die Schädigung des Proleten, denn einen Arbeitsplatz gibt es nur, wenn es sich für die Gegenseite rentiert, also bei andauernder Verarmung des Proleten (Differenz zw. Leistung und Lohn) sowie der Verkürzung seiner Lebenszeit dank ausgiebiger Verheizung im Zuge der Ausbeutung!
  8. Im Übrigen bedarf es für das perfide Kapitalistenmanöver keines Zuzugs, denn über die Produktion des relativen Mehrwerts werden andauernd Überflüssige produziert!

PS: Die Krönung des Ganzen ist ja, dass in der kritisierten Aussage drinsteckt, dass die Politik des bürgerlichen Staates etwas sei, wovon man sich als Prolet Schutz vor noch mehr Armut versprechen könne – wenn es denn nur eine cloded border Politik sei. Also gerade die Instanz, die mittels Gewaltmonopol das Privateigentum an Produktionsmitteln durchsetzt und damit die Kapitalisten erst mit ihrer Erpressungsmacht ausstattet!

10 Punkte

1. Ein kommerzielles Unternehmen agiert stets nach dem Motto „Steck Geld rein, damit mehr rauskommt“, was heißt, es wird an Kosten gespart, und da v.a. an Lohnkosten. So auch nicht anders bei lustigen Festivals. Unter dem Kommando des Unternehmens stehend müssen die Angestellten so viel Leistung als möglich für so wenig Lohn als möglich erbringen.

2. Gefallen lassen sich das die Menschen, die die Arbeit verrichten, weil sie erpressbar sind: ihnen fehlt die Möglichkeit, (gemeinsam mit anderen) selbst was zu produzieren – die Produktionsmittel (oder die dafür nötige Geldmasse) befinden sich im Eigentum weniger anderer. Die Mehrheit der Menschen ist arm. Gleichzeitig werden in einer Gesellschaft, in der der Staat das Recht auf Privateigentum durchsetzt, alle für ein bekömmliches Leben notwendigen Güter nur produziert, weil man als Produktionsmitteleigner dafür anderen Menschen Geld abnehmen kann. Die armen Menschen müssen an Geld kommen, um es durch ihren Einkauf in den Kassen anderer klingeln zu lassen – nur so kann man hier und heute überleben. Wegen Hunger kriegt niemand ein Brötchen – außer in den Nischen, wo versucht wird, die ärgsten Wirkungen des Privatrechtssystems durch Almosentum etwas abzumildern: Tafeln etc.; das aber sind gerade Abweichungen des Systems, die nur dadurch nötig sind, dass im Privatrechtssystem alles nur für Geld zu haben ist.
Menschen, die sich nicht selber versorgen können, weil sie durch das Privatrechtssystem verarmt sind, müssen also an Geld kommen, damit es in den Kassen anderer klingelt: und dafür brauchen sie einen Job. Ob es überhaupt einen Job gibt und wie der sich gestaltet, bestimmen die, die nach dem Motto agieren „Geld reinstecken, damit mehr rauskommt“. Dass ich einen brauch, ist hier und heute genau gar kein Argument für einen Job – auch wenn Jobcenter / AMS es, wenn sie Lohnarbeitslose drangsalieren, gerne so darstellen, als könnten Lohnabhängige Jobs schaffen, wenn sie doch nur wirklich wollen würden.
Bei den Jobs, die die Unternehmen schaffen, gilt: Du musst weniger kosten als du einbringst durch deine Arbeit, und diese Differenz soll so groß als möglich sein (= Gewinn). Die Spekulation auf diese Differenz ist der Grund für die Schaffung von Jobs, durch Despotismus wird versucht, diese Differenz abzusichern, und kommt sie nicht zustande, war’s das auch mit dem Job: es gibt ihn immer nur so – wegen der Ausbeutung.

3. Beim Absichern der Differenz kommt den Unternehmen sehr entgegen, dass fast alle Menschen einen Job brauchen und daher um Jobs konkurrieren: sie werden von den Unternehmen gegeneinander ausgespielt. Das heißt insbesondere, dass Unternehmen jede erdenkliche „Schwäche“ (Anführungszeichen, weil alles fortan Geschilderte nur in der heutigen Gesellschaft eine solche ist) von Menschen ausnutzen. Dass jemand ab und an krank ist, ist in dieser Gesellschaft kein Argument für eine bessere Behandlung, sondern im Gegenteil Anlass zur schlechteren Behandlung: weniger Bezahlung, Druck, Kündigung, Armut.

4. Hinzu kommen „Schwächen“, die man noch gar nicht hat: Ausgehend von der Rechnung „So viel Leistung als möglich für so wenig Geld als möglich“, was inkludiert, dass man idealerweise 24/7 zur Verfügung zu stehen hat (am besten auf Abruf, siehe LeiharbeiterIn) und jede Überstunde mitmachen, wird Frauen zur Last gelegt, dass sie vielleicht mal schwanger werden könnten. Die Möglichkeit, dass eine Frau für wenige Monate nicht durchgehend und in sonst bekannter Manier ausgebeutet werden könnte, wird erpresserisch gegen sie in Anschlag gebracht: schlechtere Jobs, weniger Aufstiegsmöglichkeiten – ein niedrigerer Durchschnittslohn.

5. Das Sahnehäubchen setzen Unternehmen dann auf, wenn sie das von ihnen (!) hergestellte Resultat – niedrigerer Durchschnittslohn – gleich noch einmal zur Erpressung verwenden: Schön ideologisch gewendet meinen sie, dass der geringere Durchschnittslohn doch den Verdacht nahelege, dass es mit der Tauglichkeit von Frauen (für was eigentlich? Sie reicher machen!) nicht so weit her sei. So wird die von ihnen hergestellte Lohnungleichheit zum Argument für noch mehr Lohnungleichheit. Die schlechteren Jobs zum Argument für noch schlechtere Jobs. Etc.

6. Und wenn man schon dabei ist … : Der niedrigere Durchschnittslohn wird zum Argument dafür, dass sich Frauen um die im Kapitalismus privat zu erledigende Reproduktionsarbeit kümmern: weniger Lohnausfall für die Reproduktionsgemeinschaft. Das wird von den Unternehmen auch wieder als Argument gegen Frauen gewendet: erstens besteht die Möglichkeit (!), dass sie mal nicht können, zweitens lässt sich schön ideologisch auch der Verdacht äußern, ob Frauen von „Natur“ aus nicht eh woanders hingehören. Wieder Erpressung mit etwas, was sie erst hergestellt haben.

7. Letzteres, insbesondere die ideologische Wendung, ist auch vielen Menschen mit dem sog. „Migrationshintergrund“ bekannt, ebenso vielen Menschen, deren Hautfarbe von der der Mehrheitsgesellschaft abweicht: Unternehmen nutzen den gesellschaftlichen Rassismus als Erpressungshebel. Die dadurch hergestellte schlechtere Position im Berufsleben wird dann sogleich zum Argument für noch schlechtere Bedingungen und Bezahlung hergenommen.
Hinzu kommt bei Menschen, die immigriert sind, die besondere Erpressbarkeit, die dadurch zustande kommt, dass nach herrschendem Recht ein Aufenthalt idR nur dann gestattet wird, wenn man einen Job hat (also jemanden im Land reicher macht). Fällt dieser weg, kommt das Abschiebekommando –erpressbarer geht kaum.
Die daraus resultierende besonders miese Lage (schlechte Jobs, schlechter Lohn) dient dann wieder als „Beweis“ dafür, wieso „die da“ untauglich sind (für was? Unternehmen reicher machen!) – und schon kann man noch weiter drücken …

8. Viele Lohnabhängige machen den Fehler, daraus, dass sie zwar schlecht (ohne Ausbeutung geht, wie gesagt, gar nichts) behandelt werden, aber andere schlechter behandelt werden, abzuleiten, dass sie doch besser seien als die, die noch schlechter behandelt werden.
Am Beispiel Sexismus lässt sich erkennen, dass Ausgangspunkt der ganzen Misere das Anspruchsdenken der Unternehmen ist: 24/7 sollen Angestellte zur Ausbeutung zur Verfügung stehen, und Männern wird das eher zugetraut. Will man wirklich aus sowas seinen Stolz beziehen – dass andere denken, man sei besonders tauglich dafür, ausgepresst zu werden? Auch ist nur zu offensichtlich, dass die noch schlechtere Position anderer dazu genutzt wird, andere unter Druck zu setzen: schließlich sind die in noch schlechterer Position besonders verzweifelt und daher willig, noch viel mehr ausgepresst zu werden. Alleine von daher ist die oftmals anzutreffende Freude vieler Männer über den Gender Pay Gap absurd – dass es anderen noch schlechter geht, wird doch gegen sie gewendet. Besonders absurd ist es immer dann, wenn Männer, die selber proletarisch dahinkrebsen, stolz auf echte Macher verweisen, etwa darauf, dass die Forbes-Liste männlich dominiert ist: als wären das nicht gerade die Figuren, die auch sie ausbeuten, nur so kommen die doch auf die Liste! Was hat man als Prolet denn davon, dass v.a. Männer die Ausbeutungszentralen bevölkern? Nichts, außer einem falschen Stolz – und dem ebenso falschen Urteil, dann sei man in dieser Gesellschaft doch richtig aufgehoben. Diese Argumente gelten analog für Rassismus.
Und auch wenn manchmal gehört wird, dass lohnabhängige Angehörige der Mehrheitsgesellschaft von Rassismus profitieren, stimmt’s nicht. Man nehme das Beispiel, dass Weiße oft bessere Wohnungen kriegen. Nicht bestritten sein soll, dass das einen extremen Unterschied beim Zurechtkommen hier und heute macht. Aber Profit ist es keiner: denn auch für die bessere Wohnung muss man zahlen, muss jmd anderen reicher machen, indem man selber ärmer wird. Man ist immer noch mies dran, und das wird nicht besser, wenn andere noch mieser dran sind. Um das zu erkennen, braucht man aber eine Kritik daran, dass man Bedürfnisse immer nur dann befriedigen kann, wenn man durch Bezahlung andere reicher macht. Man erkennt dann die Gemeinsamkeit mit zB migrantischen Lohnabhängigen oder lohnabhängigen Frauen. Sie sind dann, wenn man aufgrund der Erkenntnis, dass man in diesem System geschädigt wird, Verbündete, mit denen man gemeinsam für eine Gesellschaft kämpft, in der niemand mehr erpresst werden kann, um daraus Profit zu schlagen. Und dann werden für alle tolle Wohnungen gebaut, damit man sich nicht mehr drum streiten muss und fix ist, dass man gut wohnt. Wozu sonst sollte in einer vernünftigen Gesellschaft auch Wohnraum dienen, wenn nicht zum guten Wohnen?

9. Rassismus und Sexismus der Mehrheitsgesellschaft sind Hindernisse, wenn es darum geht, die elenden Verhältnisse abzuschaffen. Darin, dass es falsch ist, Menschen verächtlich zu handeln oder ihnen gegenüber Gewalt anzuwenden, weil sie ein „falsches Geschlecht“, eine andere Hautfarbe als zB ich oder Migrantionserfahrung haben, hoffe ich auf Einigkeit (hier lesen ja Linke). Doch was sagen zu Menschen, die meinen, das sei OK? Was schon weiter oben steht: Die eigene Schädigung wird nicht ungeschehen gemacht, auf der Ebene des Ideologischen wird das System zum eigenen gemacht – und mit dem Begrüßen der Resultate des erpresserischen Handelns der Unternehmen (noch miesere Lage von Frauen, MigrantInnen, POC) begrüßt man die Grundlage, die die eigene Schädigung hervorbringt. Man beklatscht also die eigene miese Lage, wenn man die noch miesere anderer beklatscht. Die Menschen, mit denen man gemeinsam das Elend beseitigen könnte, behandelt man verächtlich und begegnet ihnen im Extremfall mit Gewalt bis hin zum Massenmord: das ist nicht nur menschlich echt megamies, sondern auch selbstschädigend. White trash, lass es endlich bleiben!

10. Ohne eine Umwälzung der Verhältnisse – die Abschaffung des Privatrechtssystems – wird’s nicht gehen: Voluntarismus, korrektes Verhalten werden nicht zur Beseitigung der Grundlage der skizzierten Misere führen. Denn, wie dargelegt, werden die Lohnabhängigen gegeneinander ausgespielt. Wer kann es sich schon leisten, nach einer erfolgreichen Bewerbung einen Job nicht zu annehmen, weil es einem Leid tut, dass ihn andere auch brauchen? Wer kann denn auf die bessere Wohnung verzichten? Systembedingt konkurrieren die Lohnabhängigen leider miteinander: sie werden von oben in Konkurrenz gesetzt, und korrektes Verhalten ist nicht selten eine Frage der Größe des Geldbeutels. Und der Geldbeutel Lohnabhängiger ist recht klein und leert sich jeden Monat wieder.
Innerhalb des Systems sind die Möglichkeiten zur Veränderung ausgesprochen beschränkt: man kann Wohninitiativen oder Kooperativen gründen. Aber diese sind, wegen der beschränkten Möglichkeiten, oft in wenig schönem Zustand und es ist daher keine Überraschung, dass viele normal Miete zahlen, statt in einem mäßig instandgehaltenen besetzten Haus zu wohnen. De facto ist das meist nur für jene Menschen eine wirkliche Alternative, die freiwillig oder unfreiwillig sog. „Aussteiger“ sind. Und auch Kooperativen bieten außer – wenn’s denn passt mit den Leuten – weniger internem Gehacke oft nicht mehr; das Diktat des Marktes macht auch diese Initiativen nicht wirklich gemütlich.

PS: Nur zur Klarstellung am Schluss: Dass man aus dem Konkurrieren, etwa um Wohnraum und Jobs, nicht durch korrektes Verhalten rauskommt, ist ganz was anderes, als einen Partyraum verwüstet zu hinterlassen.

Kritik willkommen.

„Den Kapitalismus selbst greift die alternative Art, sich mit ihm zu arrangieren, in keiner Weise an.“

Eine antikapitalistische Praxis bescheinigst du Leuten, die sich – ohne Einkommen und ohne Geld – aus den Abfallcontainern der Supermärkte ernähren, andere Freiräume nutzen und ansonsten mit Nachbarschaftshilfe über die Runden kommen. Schön, sie leben alternativ; aber was hat das mit Antikapitalismus zu tun?

Wer damit ernst macht, geht manchen Zwängen des Geldverdienens und der Karriere aus dem Weg und handelt sich dafür andere, gemessen am durchschnittlichen Lebensstandard des 21. Jahrhunderts, radikale Entbehrungen und Nöte ein. Immerhin ist, was so jemand freiwillig als alternatives Leben wählt, noch ein bisschen härter als das Elend, das der Kapitalismus anderen Leuten gegen ihren Willen und gegen alle ihre Bemühungen, Geld zu verdienen, aufzwingt, wenn die als unbrauchbar und überflüssig für das Wirtschaftswachstum aussortiert und in Hartz IV verstaut sind. Aber bitte, jeder kommt halt auf seine Weise mit den kapitalistischen Lebensbedingungen zurecht und wird nach seiner Façon selig. Auch für diesen Lebensstil ist Platz im Kapitalismus; Bohemiens und Clochards – so nannte man früher Vertreter dieses Lebensstils – gibt es so lange wie den Kapitalismus.

Den Kapitalismus selbst greift die alternative Art, sich mit ihm zu arrangieren, in keiner Weise an. Er beruht auf der durch die Staatsgewalt gestützten Macht des Privateigentums, die Menschheit zum Dienst an der steten Vergrößerung dieser Macht, d.h. am Kapitalwachstum, zu zwingen, wenn sie Geld in die Finger und Zugang zu den käuflichen Lebensmitteln bekommen will. Diese Macht anerkennt dein alternativer Lebensstil und respektiert sie, wenn er den Dienst vermeidet und dafür auf Zugang zum Warenangebot verzichtet.

Was du „täglichen Klassenkampf“ nennst, wendet sich polemisch nicht gegen das polit-ökonomische Herrschaftssystem, sondern gegen die üblichen Versuche, damit zurechtzukommen: Dem Rest der Menschheit wirfst du Anpassung und Mitmachertum vor, und hältst es für angebracht, ihnen vorzuleben, dass man mitten im Kapitalismus ungestört von dessen Zwängen sein Leben frei, „selbstkritisch und reflektiert gestalten und selbst organisieren“ kann. Aber frag dich mal ernsthaft, wer eigentlich meint, dass er das nicht schon tut. Auf nichts sind die Menschen im Kapitalismus so stolz wie darauf, dass sie – wie du und deine Freunde – aus den oft widrigen Umständen das Beste machen und dass sie den Verhältnissen ein selbstbestimmtes, irgendwie gelingendes Leben abzuringen verstehen. Sie interessieren sich nicht für das Ausbeutungssystem, dem sie unterworfen sind, weil sie sich um den Kapitalismus nie anders kümmern als so, dass sie ihn in Chancen und Hindernisse für ihre Selbstverwirklichung einteilen und die Chancen zu nutzen und die Hindernisse zu überwinden versuchen. Eine reflektierte Gestaltung des eigenen Lebens kommt dabei immer heraus; es braucht dazu ja auch nichts als die billige Einbildung, man habe sich selbst herausgesucht, wohin es einen im kapitalistischen Dschungel verschlägt. In der Überzeugung, im Leben nicht den Imperativen des Kapitals Folge zu leisten, sondern einen ganz selbst gewählten Lebensstil nach eigenem Gusto zu pflegen und „selbstkritisch und reflektiert ihr Leben zu gestalten und selbst zu organisieren“, stehen die normalen Menschen, deren angepasste Sittlichkeit du ungebührlich findest, deinen nonkonformistischen Freunden, die im Sich-Einrichten im marktwirtschaftlichen Elend das „richtige Leben im falschen“ gefunden haben, in nichts nach.

Auszug aus: Linksradikale Wahlsorgen: Verrät man durch ein Wahlkreuz
seine herrschaftskritischen Überzeugungen?

Freche Türken

In Österreich wird sich über „die Türken“ aufgeregt. Eigentlich schon das ganze Jahr über sind sie ein einziges Ärgernis, so legen Politik und Medien nahe. Statt, wie es der Durchschnittsösi so gerne hätte, demütigst schlechte Jobs zu verrichten, in den weniger attraktiven Gegenden ghettoisiert zu werden und brav die Klappe zu halten, wollen sie jetzt tatsächlich politisch aktiv sein. Keine drei Generationen in Österreich – und schon mitreden wollen! Zuerst die Plakate in türkischer Sprache – ein Skandal sondergleichen -, und jetzt Demos, Pro-Erdogan, Contra-Erdogan usw.

Es stellt sich dem österreichischen Patrioten durchaus die Frage:

Ja, dürfen s‘ denn des?

Skandalös: Antifa hindert Demokraten wieder an antifaschistischem Protest!

Gestrige Gewaltorgie bestätigt: Kein einziger Nazi könnte in Österreich bestehen, würde die brutale Antifa nicht seit mehreren Jahrzehnten den antifaschistischen Protest der demokratisch gesinnten Bevölkerung verhindern!

Nachdem die gewalttätige Antifa seit Jahrzehnten jeden antifaschistischen Protest gegen Nazis im Keim erstickt, hat sich das demokratisch gesinnte Österreich 2014 vorgenommen, sich das nicht länger gefallen zu lassen. Im Vorfeld der Demonstration der Identitären hatten sich wichtige Vertreter und Vertreterinnen der Zivilgesellschaft und aller Parteien zuversichtlich gezeigt, endlich dem demokratischen Antifaschismus Ausdruck verleihen zu können.

Doch die Brutalität der Antifa übertraf gestern jede Vorstellung. Die Polizeisprecherin National Emanzipiert dazu: „Wir dachten, wir wären auf alles vorbereitet. Doch mit dem, was gestern vorfiel, hatten wir wirklich nicht gerechnet“.

Augenzeugen berichten von einer regelrechten Gewaltorgie, in deren Zuge 1,7 Millionen Demokraten und Demokratinnen daran gehindert wurden, an der antifaschistischen Manifestation unter dem Titel „Die Nazis haben unsre Nation nur in den Abgrund getrieben. Demokratie bekommt ihr besser!“ teilzunehmen.

Hansi Ö. berichtet sichtlich erschüttert: „Wir wollten mit unserem Transparent mit der Aufschrift ‚Gegen KZs! Für Frontex!‘ auf die Straße treten. Doch wir wurden von einer Horde schwangerer Antifaschistinnen unter Prügeln ins Haus zurückgedrängt. Diese Linken haben wirklich keine Hemmungen!“

Laut Polizeibericht sind die Wiener Krankenhäuser derzeit massiv überlastet, Antifa-Opfer mussten zum Teil zur Versorgung in die Bundesländer ausgeflogen werden.

Erste Stellungnahmen aus den Parlamentsparteien liegen bereits vor. Einhellig wird die Meinung vertreten, dass der Antifa nun endlich entschieden entgegengetreten werden muss. „Seit Jahrzehnten besuddelt die Antifa Österreich, indem sie jeden Protest gegen Nazis verhindert. Im Ausland denkt man schon, Österreich sei rechts. Das ist ausgesprochen problematisch“, so der Parlamentspräsident.

Gleichzeitig erheben Vertreter und Vertreterinnen der FPÖ Vorwürfe gegen die Polizei: „Wie kann es sein, dass es der Polizei im Jahre 2014 immer noch nicht gelingt, breiten antifaschistischen Protest zu ermöglichen? Wir sind der Meinung, dass das Konsequenzen haben muss! Hier zeigt sich auch, dass das Sparen bei der Sicherheit der falsche Weg ist. Wir haben schon im Vorfeld darauf hingewiesen, dass knapp 1000 Polizisten nicht ausreichen, um der antifaschistischen Bedrohung Herr zu werden“.

Währenddessen haben empörte Bürgerinnen und Bürger eine Online-Petition gestartet, die sich gegen die Gewalt der Antifa richtet. Unter dem Titel „Pro border, pro nation, no nazis, no antifa!“ werden Unterschriften gesammelt. Das Ziel ist, ein Verbot der Antifa zu erreichen.

Was taugt für Deutschland?

Wenn es um die Singularität der Shoah geht, fällt immer wieder ein Argument – und um das soll es hier gehen, nicht um die Singularität. Das schiebe ich voran, damit sich die Empörung um die folgenden Zeilen im Rahmen hält. Anmerken möchte ich aber schon, dass es sich mir die Sinnhaftigkeit des Singularitätsargument nicht wirklich erschließt: Kein bisschen weniger kritikabel wäre die Shoah, mangelte es an dieser Singularität. Und auch wenn sich NS-Fans oder auch „nur“ um das Ansehen der Nation bekümmerte demokratische NationalistInnen an die Vergleicherei machen, scheint mir das Gegenargument „Singularität“ beschränkt in der Wirkkraft: Damit ist eigentlich nur gesagt, man solle einschlägige Äußerungen unterlassen; der dieser Äußerung zugrunde liegende Nationalismus aber bleibt unangetastet.

Wie auch immer: Hier geht es jetzt um ein spezifisches Argument, es ist nur eines unter mehreren (und es soll nicht um alle gehen). Das Argument: Für die Singularität spräche, dass die brutale Vernichtung der JüdInnen dem „rationalen Selbsterhaltungstrieb der Täter“ widerspräche (siehe hier Punkt 5). Gemeint ist damit, dass es wohl ordentlich unvernünftig gewesen sei, Ressourcen von den Kriegsfronten abzuziehen, um diese für den Massenmord an den JüdInnen zu nutzen.

An diesem Argument fällt mehreres auf:

1.) Der Antisemitismus der Nazis wird verharmlost, indem so getan wird, als ergäbe sich aus diesem nicht logischerweise genau dieses mörderische Verhalten. Es wird damit durchgestrichen, dass Nazis „die Juden“ als SoldatInnen einer feindlichen Macht herbeidefinierten: die Vernichtungslager waren für die Nazis eine Kriegsfront, und zwar die wichtigste überhaupt. Von den anderen Fronten Ressourcen abzuziehen, diente den Nazis daher dem Kampf für die „Selbsterhaltung“. Man kann das natürlich durchstreichen und die logische Konsequenz des (nazistischen) Antisemitismus ins Reich des Unbegreiflichen abschieben (damit entfällt natürlich auch die Kritik, denn außer „unbegreiflich“ zu stöhnen, ist dann kaum mehr was leistbar – praktisch, nicht wahr?). Um dann im nächsten Schritt alles mögliche andere als begreiflich darzustellen:

2.) Das Argument der Irrationalität impliziert nämlich, dass die Konzentration zB auf die Ostfront dem „rationalen Selbsterhaltungstrieb der Täter“ gedient hätte. Was will man damit sagen, und um wessen Selbsterhaltung handelt es sich dabei? Um die der Soldaten, die da an den Fronten verheizt wurden, wohl kaum. – Es geht um die Selbsterhaltung der Nation, und dass die ganz prinzipiell eine gute Sache ist, soll festgehalten sein: Auf Grundlage dieses nationalistischen Urteils wird den Nazis vorgeworfen, gar nicht wirklich auf die nationale Selbsterhaltung geachtet zu haben. Für NationalistInnen freilich ein Vergehen. Ja, die Vernichtung der europäischen JüdInnen war für die Nation kein geeignetes Mittel, aber der konzentrierte Endkampf an der Ostfront wäre es schon gewesen, oder wie? So schrumpft die Kritik zusammen auf die Blamage am eigenen nationalistischen Erfolgsmaßstab: Krieg verloren, weil auf das falsche Mittel gesetzt – ganz schlecht für die Nation! Da müssen aufrechte NationalistInnen natürlich das Verständnis versagen.

3.) Damit ist des Weiteren impliziert, dass das, was da im NS sonst so stattfand, durchaus als Selbsterhaltungskampf der Nation anerkannt ist. ZB der Angriff auf die Sowjetunion, in den die nationalistischen NS-KritikerInnen die Ressourcen gesteckt hätten. So entlarvt sich die KritikerInnen-Riege nicht nur als Denkfabrik für nachträgliche Kriegsstrategien für NS-Deutschland; nein, man gibt auch zu erkennen, dass – bis auf diese eine, die keinen ersichtlichen Beitrag zur „Selbsterhaltung“ Deutschlands leistete – jede Schlächterei im Namen der Nation als notwendig anzusehen sei: die findet man dann nachvollziehbar & verständlich. Das beginnt mit dem Angriff auf die SU (womit übrigens durchgestrichen ist, dass auch der in hohem Maße antisemitisch motiviert war, Stichwort „jüdischer Bolschewismus“) und inkludiert dann noch jede Blutspur und jeden Leichenberg, den Nationen bei ihrem Kampf für „Selbsterhaltung“, der zufälligerweise immer einen Angriff auf andere inkludiert, produzieren. Alles „rational“ – für NationalistInnen.

Um noch mal auf die Singularität zu kommen: Es gibt verschiedene Argumente für diese. Das, das hier Thema ist, ist kritikabel: Wer es vorbringt, legt zuallererst den eigenen Nationalismus offen und bringt ihn sodann als Maßstab, an dem der NS zu messen sei, in Anschlag. Und tut damit kund, dass er etwas zentrales mit dem gemeinen Nazi teilt: die Sorge um die Nation, auf deren Basis die Frage nach dem geeigneten Mittel für den nationalen Selbsterhaltungskampf erst Sinn macht.
Es verwundert daher nicht, dass das Argument auch direkter als „Hitler hat Deutschland in den Abgrund geführt“ auftaucht: Es wurden eben nicht die geeigneten Maßnahmen zur „Selbsterhaltung“ gesetzt. Spätestens hier sollte es einem in die Augen springen, dass es längst nicht mehr um die aus antisemitischen Motiven massenhaft ermordeten Menschen geht, sondern einzig und alleine um die Frage: Was taugt für Deutschland?

Inflation der Wahrheit: Kapitalismus braucht Armut!

Heute werden die Menschen mit ökonomischen Wahrheiten zugeschüttet, dass einem schlecht werden könnte. Die Frechheit, mit der Magazine und Features davon künden, dass die Wirtschaft nur funktionieren kann, wenn die Arbeitskräfte dem Hunger nahe sind, verrät nämlich vor allem eines: Die Autoren haben keine Scheu, eine Wahrheit auszuplaudern, die eigentlich das stärkste Argument gegen die famose freie Marktwirtschaft ist.

Inflation der Wahrheit: Kapitalismus braucht Armut!

Privilegien, die x-te

Nachdem das Bettelverbot aufgehoben wurde, strengen sich nun Politiker verschiedener Parteien an, es wieder einzuführen. Die Begründungen reichen von „aggressivem Betteln“ bis hin zu „da werden Kinder missbraucht“. Dass es dabei nur darum geht, die lästigen Symptome der Armut zu bekämpfen, ist nicht schwer herauszufinden, schließlich plädieren die entsprechenden Politiker nicht für eine umfassende Versorgung aller mit einem ordentlichen Obdach, Essen, etc. Aber auch die Gegner des Bettelverbots fallen nicht gerade durch Kritik der kapitalistischen Armut, die die Menschen erst in diese Lage bringt, auf, sondern begnügen sich in der Regel damit zu beklagen, dass den Menschen damit das Recht auf Meinungsfreiheit bestritten werde – und das Recht, im Kapitalismus ums Überleben zu kämpfen. Und großzügig und liberal wie man nun mal ist, will man einem das Geschenk, im Bestehenden ums Überleben strampeln zu müssen, nun wirklich nicht absprechen.

Man sieht, eine elende Debatte. Aber es geht noch elender. Man kann nämlich den Umstand, dass es viele Menschen gibt, die sich am Betteln stören, zu einem Kampf für den Erhalt von Privilegien umdichten:

„Aggressives Betteln“: „Oh Hilfe! Mir wird ja die Ungerechtigkeit der Welt + meine ungerechtfertigte Privilegierung darin klar! Weg damit!“

Nur ums klarzumachen: Das ist keine Kritik am Fehler von vielen Lohnabhängigen, der darin resultiert gegen Bettelnde zu hetzen. (Eine Kritik an KapitalistInnen ist es, btw, auch nicht.)

Die Kritik ginge nämlich so: Als lohnabhängiges Würstel führst du dein Leben als abhängige Variable des Kapitals: Ob du einen Job hast und welchen, hängt z.B. nicht von dir ab. Daher ist man einen, wenn man einen hat – und den hat man eben nur, wenn es sich für die Gegenseite rentiert, man also ordentlich unbezahlte Mehrarbeit abliefert -, auch mal schneller los, als man denkt: Vielleicht gibt es billigere und willigere Lohnabhängige (mit denen du nur wegen des Kapitalismus in Konkurrenz stehst), vielleicht warst du auch so eifrig, dass sich das Unternehmen neue Maschinen leisten kann – und dich nimmer braucht. Vielleicht ist die Rendite in einer anderen Branche attraktiver – und das Unternehmen zieht das Kapital aus der, in der du beschäftigt bist, ab. Oder das Unternehmen verlagert in ein anderes Land, weil sich die ProletInnen dort noch besser erpressen lassen. Usw.
Was man da als Bettelnde vor sich hat, sind nicht GegnerInnen, die einem schaden, sondern die proletarischen Brüder und Schwestern, über die das Kapital das Urteil, das jederzeit über einen selber gefällt werden kann, schon gefällt hat: dass man für seinen Zweck, die Vermehrung von Geld, nichts taugt. Man hetzt, wenn man gegen Bettelnde hetzt, in Wahrheit gegen seinesgleichen. Und übermorgen steht man vielleicht selber an der Ecke oder geht Pfandflaschen sammeln. Wenn das mal kein Grund ist, gemeinsam gegen die kapitalistische Armut anzustinken …

Davon will aber jemand, der meint, Leute, die sich über Bettelnde aufregen, würden unterschiedlos Privilegien verteidigen (bzw. sich darüber aufregen, dass beim Betteln ihre Privilegierung „klar werde“), nichts wissen. Da stellt man nur fest: Es gibt extrem arme Menschen – und alle, die nicht so arm sind, sind privilegiert, angefangen mit der Oma mit Mindestrente. Das ist reines Gerechtigkeitsgefasel, das sich überhaupt nicht für die Ursachen interessiert – weder für die des Bettelns, noch für die des Rests; da ist man dann auch zufrieden, wenn alle betteln müssen – denn dann ist das ungerechte Privileg ja aus der Welt; und mehr noch: die Behauptung, zwischen Bettelnden und in Lohn stehenden ProletInnen bestehe ein Gegensatz, wird bestätigt. (Das ist, kein Zufall, die Behauptung, die auch die Bettelverbot-ForderInnen aufstellen.)
Da muss man sich dann aber schon fragen: Wieso sollten die in Lohn stehenden ProletInnen dann bei der Hetze gegen BettlerInnen nicht mehr mitmachen – wo sie doch offensichtlich was davon haben, nämlich ihr Privileg? Dazu fällt jemandem, der von Privilegien redet, nicht viel ein. Eben: „Weg damit!“ Dieser hetzerische Ruf scheint einem dann doch: sehr verständlich. Aber halt auch so ungerecht.

Man darf auf jeden Fall auf die nächste Runde moralisches Mitmachen des divide-et-impera gespannt sein – im Namen der Gerechtigkeit ist alles zu erwarten.