Im Namen der Opfer

Buh, seit Tagen geht es auf Twitter um eine Klotüre. Diese war wohl mit einem Kunstwerk einer Künstlerin verziert, das von manchen oder vielen als vergewaltigungsverharmlosend verstanden wurde und wird. Gesagt wird, das Kunstwerk sei als Betandteil von „rape culture“ zu verstehen. Ich denke, darüber kann man lange debattieren — Stichwort z.B.: Was darf Kunst? –, aber ich möchte das hier gar nicht machen.

Denn viel interessanter als das konkrete Beispiel finde ich, dass dieses von manchen nun herangezogen wird, um die Beschäftigung mit Sexismus insgesamt zu kritisieren. Und, aber das ist keineswegs überraschend, das läuft nach einem Muster ab, das man schon aus der Mainstream-Rassismusdebatte kennt.

Das Muster gestaltet sich dabei wie folgt: a.) Rassistische Gewalttaten lehnt man ab, man ist schockiert und empört, wenn es zu solchen kommt; b.) kommt dann jemand daher und sagt, „Solche Gewalttaten sind ’nur‘ der Ausfluss / die Spitze des Eisbergs des gesellschaftlich etablierten Rassismus“, dann wird sich gleich weiter empört. Denn damit steht plötzlich nicht mehr nur ein „Extremist“ / „Außenseiter“ / einer vom „Rand“ in der Kritik, sondern die Gesellschaft, die diese hervorbringt. Und, das ist das schlimme, man selber mit seinen Überzeugungen.

Das Muster also:

Wer meint, es ginge hier nur um die Causa Klotüre, wird gleich eines besseren belehrt:

Zusammenfassung: Wer sich mit der Ideologie befasst, die zu sexistischen Übergriffen führt, verharmlost also sexistische Übergriffe, insbesondere Vergewaltigung. Wie gut, dass es da heldinnenhafte Twitteruser gibt, die die Opfer von Übergriffen gegen jene verteidigen, die die ideologische Grundlage ebendieser Übergriffe kritisieren. Wer verhöhnt da die Opfer?

Man kann die Klotüre ja kontrovers debattieren, sich die Frage stellen: Ist das wirklich „rape culture“? Nur damit hat das hier nichts zu tun. Hier findet etwas anderes statt: Die konkrete Auseinandersetzung wird zum Anlass genommen, die Kritik von Sexismus in einer seiner brutalsten Formen in den Tonne zu treten. Im Namen jener, die seine Opfer wurden. Wie gesagt: altbekanntes Muster. Der Applaus der SexistInnen ist gewiss.

43 comments

  1. Pflichtfeld

    Es geht wohl vielen Kritikern im Kern darum, dass nicht einjeder daherkommen kann und mit sehr subjektiven Kriterien eine persönliche Interpretation von etwas (in dem Falle ein Bild) als Faktum deklariert, dass auch noch zu sofortigem Handeln ermächtigt. (in dem Falle sowas wie Vandalismus).

    Im konkreten Fall handelt es sich um „rape culture“ welche hier deklariert wurde. Ich habe grosses Verständnis für derlei Bemühungen, (warum auch immer Feminismus oft mit noch mehr Englisch hantiert als die Bahn) aber nach der Lektüre der Nachrichten der letzten Woche aus dem Kongo z.B. kann ich Frau Seeliger da nur zustimmen. Mit Klotüren hat reale „rape culture“ wirklich gerade nur noch den Planeten gemeinsam, auf dem es passiert.

    • proletin

      Es geht wohl vielen Kritikern im Kern darum, dass nicht einjeder daherkommen kann und mit sehr subjektiven Kriterien eine persönliche Interpretation von etwas (in dem Falle ein Bild) als Faktum deklariert, dass auch noch zu sofortigem Handeln ermächtigt. (in dem Falle sowas wie Vandalismus).

      Wie geschrieben, kann man das Bild durchaus debattieren. Darum geht es in dem Beitrag aber nicht.

      Was ist denn bitte „reale rape culture“? Und was soll das mit dem Kongo?

      Das ist genau das, was ich kritisiere: dass eine Kritik des Sexismus HIER UND HEUTE in dieser Gesellschaft mit Verweis auf:
      a.) „echte Opfer“
      b.) viel Schlimmeres woanders
      abgewürgt wird.

      Du machst das gerade in Kombination: echte Opfer im Kongo.

      Seeliger macht das ganz ähnlich: Die Befassung mit der Ideologie, die erst dazu führt, dass es zu sexistischen Übergriffen kommt, wird gleich komplett in die Tonne getreten. Sie beschränkt sich ja nicht auf die Causa Klotüre, siehe oben. Und dafür sollen jene, die bereits Opfer von Sexismus wurden, wohl noch dankbar sein.

      Dazu, dass sie Vergewaltigung hier in die Schublade „sexuelle Beziehung“ packt, sag ich lieber erst gar nichts.

      • Pflichtfeld

        Ich sähe ehrlich gesagt langsam die sich von Bildern einer sexuellen Gewalt ausgesetzt sehenden in der Pflicht, eine sprachliche Differenzierung zum Bedeutungsraum Vergewaltigung/physischer Gewalt vorzunehmen. Hinweise, dass dies ein gern beanstandeter Punkt ist, gibt es ja nun nicht erst seit der c-base.

        Ein stückweit kratzt man hier wohl auch das Themenfeld an, in welchem den Medien zu effektheischerische und marschreierische Methoden vorgeworfen. Dort oft auch zu recht. Auch und gerade vertretungswürdige Anliegen werden durch solches Auftreten aber leider meist eher beschädigt als gut vertreten, wie ich finde.

          • Pflichtfeld

            Entschuldige, wenn ich hier eben anderer Meinung bin.
            Sprache ist ja wandelbar,Beliebigkeit oder Willkür funktioniert dabei aber nicht gut.

            In meinen Augen impliziert die Verwendung des Wortes „rape“ eben genau das. Dazu existiert es in der englischen Sprache, wie es dazu im Deutschen „Vergewaltigung“ gibt. Um konkrete Dinge konkret zu benennen.

            So interpretiere ich das nun ein mal in meinem Kopf, und Respekt vor der Interpretation anderer Köpfe ist ein ganz essentieller Kern der Debatte um dieses Bild und „Anstössigkeit“. Die Verlautbarung von Alleinansprüchen auf derlei Respekt stellt im Regelfall eine unentfernbare Hürde im Diskussionsverlauf dar, und mündet anschliessend zuverlässig in diversen -ismus-Assoziationen und -Vorwürfen.

            Sexualisierte, potentiell anstössige Bilder mit aller Gewalt in den Kontext „physische sexuelle Gewalt“ zu zerren ist eine Zumutung für den potentiellen Rezipienten solcher Sachverhalte und -ja- für mich eben auch eine Beleidigung der Opfer des eigentlichen semantischen Kontextes von rape.

      • Pflichtfeld

        „a.) “echte Opfer”
        b.) viel Schlimmeres woanders“

        Das sind nun einmal Dinge, die gerade in dem gewählten Bedeutungskontext sehr wohl existieren.

        Im konkreten Fall habe ich damit in der Tat ein Problem der Ebenbürtigkeit.

        • proletin

          Es muss gar nicht ebenbürtig sein!
          http://proletin.blogsport.eu/2012/11/26/im-namen-der-opfer/#comment-363

          Rape culture ist die Bezeichnung für sexistische Ideologie, wobei das Augenmerk darauf gelegt wird, wie das als kulturelle Praxis gelebt wird und wie das in kulturellen Produkten zum Ausdruck kommt — und wie das dann ein Umfeld schafft, in dem sexistische Übergriffe vorkommen. Es ist nicht das gleiche wie ein sexistischer Übergriff / Vergewaltigung.

          • Pflichtfeld

            „Rape culture ist […] nicht das gleiche wie … Vergewaltigung“

            Was ich sagte, Warum wird sich des Kontexts also dennoch bedient?

            Von mir (lies: eigentlich irgendjemand) jetzt zu verlangen, das „rape“ in meinem Kopf zu annulieren, weil ein „culture“ hinten angestellt wurde, finde einfach irgendwie doof, hmm. So funktioniert seriöse Kommunikation oder Problembefindlichkeitsschilderung einfach nicht.

            Und ich bin ein besserer Nichtmuttersprachler als viele Andere, glaube ich.

  2. BasementBoi

    Ah, ich denke jeder hat da einen unterschiedlichen Maßstab, was für ihn ein Übergriff oder Gewalt darstellt und was nicht. Ich sehe da keine ‚Rape Culture‘ in diesem Comicbild – bei Vergewaltigungen im Kongo kann ich allerdings sehr gut die Schmerzen der Opfer nachvollziehen.
    Ja, evtl. hat das Frau Seeliger nicht ganz begriffen. Ich würde ihr aber nicht Absicht vorwerfen, Vergewaltigungen verharmlosen zu wollen.

    • proletin

      Irgendwie scheinen alle zu unterstellen, das, was als rape culture bezeichnet wird, sei identisch mit Vergewaltigungen oder sexist. Übergriffen. Dann wird als geistige Glanzleistung die Erkenntnis präsentiert, dass das nicht identisch ist. Echt nicht?

      Wer hat behauptet, dass die Klotüre eine Vergewaltigung oder ein sexist. Übergriff sei? Ich zumindest nicht. Es ist zumindest mir bislang auch unbekannt, dass andere das gleichsetzen.

  3. BasementBoi

    Warum sollte man etwas als ‚Rape culture‘ oder ‚übergriffig‘ bezeichnen, wenn man damit nicht die Assoziationen wecken möchte, die ein Großteil der Menschen damit verbindet – also das physisch gewaltvolle Überwältigen fremder Personen?

    Hier wird der Begriff eben auf psychische Gewalt ausgedehnt, die im Endeffekt die gleichen psychischen Schäden hinterläßt wie physischer Angriff.

    Ich finde bei aller Toleranz gegenüber anderen Meinungen und sensibilität gegenüber dem schwierigen Thema selbst – muss man gewissen Leuten auch ab und zu mal sagen das sie nicht ganz sauber sind, wenn sie Begriffe so unreflektiert verwenden.
    Ja, und solche Leute gibt es genügend auch auf Twitter etc. durfte ich schon reichlich Bekannschaft mit machen.

    • proletin

      Nö, mMn geht es dabei um den Sexismus in der Gesellschaft, der sich auch in allen möglichen kulturellen Produkten widerspiegelt:

      Within feminism, rape culture is a concept used to describe a culture in which rape and sexual violence are common and in which prevalent attitudes, norms, practices, and media normalize, excuse, tolerate, or even condone rape.

      Das ist keine Gleichsetzung mit Vergewaltigung / sexistischer Gewalt! Da wird durchaus zwischen der sexistischen Ideologie und Tathandlungen, die sich aus dieser speisen, unterschieden.

      Die komische Gleichsetzung erfolgt doch wohl nur bei den KritikerInnen, die das machen, um dann von Verharmlosung von Vergewaltigung und Co zu tröten!

      • BasementBoi

        Verstehe ich so nicht. Denke die sexistische Ideologie (transportiert durch Sprache, Bilder. Erziehung) infiltriert gewaltvoll das Gehirn – z.B. bei Kindern die diese Dinge noch nicht reflektieren können. Das wäre z.B. ein Grund für internalisierten Sexismus.

          • BasementBoi

            antiprodukt 3 Std.
            @DanielaKayB Jo. Das Bild kann
            sowohl als sexistisch als auch als
            Reproduktion von rapeculture
            interpretiert werden. @alx42

            Dieser Tweet von Antiprodukt macht klar das da nicht getrennt wird zwischen Ideologie und Tathandlung..

  4. BasementBoi

    Hier wird von Sexismus, also einer sexistischen Handlung gesprochen.
    ‚Rape Culture‘ ist ein schwammiger Begriff der diese Handlungen beschreibt. Und da passt alles rein, Comicbilder, das generische Makulinum, harte Gewaltpornographie oder ‚richtige‘ Vergewaltigungen.
    Wenn es nicht so wäre, könnte man ja auf den Begriff Rape verzichten – will man aber nicht weil die Assoziationen die dieser Begriff gewöhnlich hervorruft, mit neuen Bedeutungen gefüllt werden soll.

    • proletin

      Nein Sexismus meint eine Ideologie. Diese kann man ausagieren, das sind dann sexistische Handlungen. Mit rape culture ist offensichtlich ein Variante des Sexismus gemeint (nämlich jene, bei der rumkommt, dass Frauen es eigentllich eh gerne haben, wenn man sie wider Willen begrabscht, penetiert etc., weshalb man da drüber auch zB lustige „Späßchen“ machen kann …) . Und davon ausgehend kann man anhand von Beispielen, z.B. comics, drüber streiten, ob die Sexismus beinhalten — also ideologisch sind im oben genannten Sinne.

      • BasementBoi

        Aber warum kann man darüber streiten? Nicht nur weil der Begriff ‚Sexismus‘ unterschiedlich ausgelegt werden kann, sondern auch weil das betrachten dieses Bildes eine emotionale Reaktion ‚hervorruft‘ bzw. begünstigt.
        Da wurden also irgendwelche Gefühle verletzt und darum spricht man von ‚gewalt‘ ‚übergriffen‘ oder ‚rape culture‘.

        • proletin

          Ich kann ein Bild oä auch dann als sexistisch erkennen, wenn es meine Gefühle nicht verletzt. Ist ja absurd, zu unterstellen, man rede davon nur, wenn man selber verletzt wird.
          Davon, dass ein Bild gewalttätig wäre, rede zumindest ich auch nicht. Also bring das nicht immer.

      • BasementBoi

        Ja. Habe den Begriff ‚heteronormative Matrix‘ in diesem Zusammenhang gelesen – sozusagen als Alternative zu ‚Rape culture‘, find ich schon treffender.

        • rhizom

          Tss, Butler wird sich freuen, dass jemand ihren Begriff „heterosexuelle Matrix“ in „heteronormative Matrix“ umgetauft hat. Wie auch immer: der Begriff hat mit dem, was „rape culture“ aussagen will, doch überhaupt nichts zu tun.

          • BasementBoi

            Ich weiß nicht mehr genau wo ich das aufgeschnappt habe. Jedenfalls ist der Begriff ‚Rape culture‘ ebenfalls schwammig und sinnentleert.

          • rhizom

            Was ist denn daran schwammig und sinnentleert?

            Es […], entspricht […] dem, was Kurt Weis (1986: 243) als Ergebnis seiner repräsentativen Einstellungsuntersuchung verzeichnen konnte: „Das Opfer (wird) stigmatisiert, indem man ihm erstens die Vergewaltigung – zumindest unter bestimmten Umständen – nicht glaubt, sondern das Ereignis lieber als Verführung definiert, indem man ihm zweitens eine Mitschuld oder gar Alleinschuld an dem Vorfall unterstellt, indem man drittens den Täter zu entschuldigen sucht und indem man viertens dem Opfer eine Minderwertigkeit zuschreibt, um damit anzudeuten, daß es die Vergewaltigung verdient habe und daß sie nicht so schlimm sei.“ Laut Weis‘ Umfragen sehen 22% der Bevölkerung keinen so großen Unterschied zwischen einer Vergewaltigung und einer Verführung, und 58% glauben, Frauen wünschten sich manchmal vergewaltigt zu werden (zit. n. Kröhn 1986: 203).

            Die recht engen Vorstellungen, was eine Vergewaltigung sei, bilden eine der Ursachen für die hohe Dunkelziffer im Bereich der polizeilichen Anzeigen. Nicht jede Frau weiß, daß ihr ein Verbrechen widerfahren ist: „Ich würde sagen, das Ganze ist mir, wie soll ich mich ausdrücken, mir ist es gar nicht so voll bewußt gewesen, daß ich überhaupt Anzeige erstatten müßte.“ – „Sie haben gar nicht gewußt, daß das eigentlich ein Verbrechen ist, das bestraft wird?“ – „Ja, so könnte man sagen. Ich meine schon, wenn es brutal ist, aber ich bin ja mit dem ausgegangen und somit war es net bloß rein überfallen.“ (zit. n. Abel 1988: 60f.). Da der Mann für seinen „Trieb“ (traditionell die Rechtfertigung für Vergewaltigung) nicht verantwortlich gemacht werden kann, wird zudem bei jedem Vorfall erst einmal die Schuld bei der vergewaltigten Frau gesucht. Kann ihr eine „Mitschuld“ wie etwa Leichtsinn unterstellt werden, ist sie mit dem Täter aufs Zimmer gegangen oder hat sich mit ihm betrunken, war es keine „richtige“ Vergewaltigung. Die Botschaft von Camille Paglia ist in dieser Hinsicht deutlich: „Das Mädchen in dem Kennedy-Vergewaltigungsfall ist eine Idiotin. Da kehrt sie tief in die Nacht zum Anwesen der Kennedys zurück und wundert sich, was passiert. Die einzige, die man belangen sollte, ist sie – wegen Dummheit. Weil jedermann weiß, daß sich der Name Kennedy S-E-X buchstabiert. Ich bitte Sie, das hat mit Vergewaltigung nichts zu tun. Und es tut nur der Empörung Abbruch, mit der uns wirkliche Vergewaltigung erfüllen sollte.“ (Paglia 1993: 68). […]

            „(Ludovika geht, die Hüften wiegend, zum Messer und hebt es auf.) AZTAK (zeigt auf sie): Seht ihr das? Wie das wiegt? Der verbrecherische Teil ist entdeckt. Die Vergewaltigung ist erwiesen. Durch zuviel Essen, besonders von Süßem, durch langes Im-lauen-Wasser-Sitzen, durch Faulheit und eine zu weiche Haut hast Du den armen Menschen dort vergewaltigt. Meinst Du, Du kannst mit einem solchen Hintern herumgehen und es geht Dir bei Gericht durch? Das ist ein vorsätzlicher Angriff mit einer gefährlichen Waffe. Du wirst verurteilt, den kleinen Falben dem Gerichtshof zu übergeben.“ (Bert Brecht: Der Kaukasische Kreidekreis. Frankfurt 1965. S. 111-113).

            Aztak wird von Brecht als salomonisch weiser und, wenn er auch nicht immer nach dem Buchstaben des Gesetzes urteilt, so doch sozial gerechter Richter inszeniert. Doch auch in der Wirklichkeit kehren sich vor Gericht bis heute die Rollen von Opfer und Täter um – im Einklang mit der herrschende Meinung von Bevölkerung, Kriminologie und Rechtsmedizin. […] Die Konsequenz ist dramatisch: Annähernd 40% der von Kröhn (1986: 256) befragten Frauen wollen eine neuerliche Vergewaltigung unter keinen Umständen mehr anzeigen. […] Rückendeckung erhält die Justiz dabei von der „Volksmeinung“, die laut der Einstellungsuntersuchung von Weis von einer Anzeige abrät, „wenn eine vergewaltigte Frau sich freiwillig in die Situation begeben hat, die dann schließlich zur Tat führte (68,5 %); wenn eine vergewaltigte Frau vor der Tat mit dem Täter schon einmal intime Beziehungen hatte (58,7 %); wenn eine vergewaltigte Frau vor der Tat mit dem Täter zusammen Alkohol trank (47,4 %); wenn eine vergewaltigte Frau mit etwas mehr Taktik und Geschicklichkeit die Tat hätte vermeiden können (43,6 %)“ (Weis 1982: 188). […] Camille Paglia spitzt diese in Umfragen als Mehrheitsmeinung belegten Einstellungen weiter zu: „Andererseits, wenn man eine gewisse Menge trinkt und sich auf bestimmte Art beträgt und mit einem Mann aufs Zimmer geht – dann sollten wir das mit den Augen der sechziger Jahre sehen; mit anderen Worten, wer so handelt, ist mit dem Geschlechtsverkehr einverstanden.“ [3] (Paglia 1993: 78). […]

            Während im Laufe der letzten Jahrzehnte in der Rechtsprechung zu Gewaltdelikten, insbesondere bei Nötigung und Raub der Bezug auf das Merkmal physischer Kraftentfaltung weitgehend fallengelassen wurde, ist diese Entwicklung im Bereich sexueller Gewalt nicht im selben Maße nachvollzogen worden. Die „Gewalt im Sinne des §177“ erfordert das Brechen eines Widerstands, der über bloßes „Sträuben“ deutlich hinausgeht.[4] Grund für die im Vergleich zum restlichen Strafrecht außerordentliche Enge des Gewaltbegriffs im Sinne des §177 ist der von Maurach in die Debatte gebrachte Begriff der „vis haud ingrata“, der nicht unwillkommenen Gewalt. Diesem Begriff zufolge wollen Frauen genommen werden, und ein Mann braucht ein „Nein“ ebensowenig ernst zu nehmen wie er den physisch zum Ausdruck gebrachten Widerwillen der Frau prima facie akzeptieren muß. Rechtsmediziner gehen hier noch weiter, indem sie physiologisch in Frage stellen, daß der Beischlaf überhaupt gegen den Willen der Frau vollzogen werden könne. So heißt es in einem Lehrbuch aus dem Jahr 1971: „… und es entspricht auch der Erfahrung, daß es einem Mann schwer ist, mit Gewalt das Membrum einzuführen, wenn die Frau die Oberschenkel zusammenpreßt. Die Adductorenmuskulatur ist so kräftig, daß der Widerstand der Muskelgruppe nur mit sehr großer Gewalt gebrochen werden kann, und man müßte schon meinen, daß in solchen Fällen Spuren der Gewalteinwirkung zwischen den Oberschenkeln zu sehen sein müßten, so Kratzspuren und Hämatome.“ (zit. n. Weis 1982: 53f.).

            http://www.nadir.org/nadir/initiativ/

            Auch wenn ich den Begriff der „Kultur“ (anstelle desjenigen der Gesellschaft) für durchaus problematisch halte, ist „rape culture“ nichts, was sich nicht konkret mit Inhalt füllen ließe.

          • rhizom

            Des Weiteren:

            Es stellt sich die Frage, warum sich männliche Gewalt in dieser Massivität gegen Frauen richtet. Smaus zählt verschiedene akademische Erklärungen auf wie „Frustrations-Aggressionstheorie, triebtheoretische, behavioristische, lerntheoretische und kognitionstheoretische Ansätze und Anwendungen von Sexualtheorien“, stellt jedoch treffend fest, es falle auf, „daß, obwohl sich die meisten dieser Theorien nicht als geschlechtsspezifische verstehen, sie als nur für das männliche Geschlecht geltende angewandt werden.“ (Smaus 1994: 88). Jenseits dieser ätiologischen Ansätze sei jedoch festzustellen, daß derjenige schlägt, der darf. Entstehen Frustrationen am Arbeitsplatz, fragt man sich, warum nicht der Vorgesetzte geschlagen wird, sondern die Frau daheim. Die Antwort, daß das erstere schlimme Folgen für den „Angreifer“ hätte, liegt auf der Hand. „Männliche Gewaltanwendung in intergeschlechtlichen Beziehungen ist dagegen ‚normal‘ und quasi legal, und dies ist die eigentlich erklärungsbedürftige Tatsache. ‚Normal‘ ist sie zunächst im statistischen Sinne […]. Zum anderen wird sie häufig moralisch gebilligt, denn sie erscheint sowohl den Tätern als auch dem männlichen Alltagsverstand als eine naturhafte, unvermeidliche Handlung. Quasi-legal ist sie, weil sie von Organen sozialer Kontrolle weitgehend vor einem Zugriff immunisiert wird.“ (ebd.).

            Ibidem.

  5. Christian

    „Wer sich mit der Ideologie befasst, die zu sexistischen Übergriffen führt, verharmlost also sexistische Übergriffe, insbesondere Vergewaltigung.“

    Das macht nur Sinn, wenn du die Ideologie als absolut setzt, es also nicht auch eine andere, besser geeignete geben kann.

    Rape Culture ist aus meiner Sicht schon deswegen ein fürchterlicher Begriff, weil er ein Wollen der Vergewaltigungen als Mittel im Geschlechterkampf suggeriert – die Angst vor Vergewaltigungen als Mittel des Patriarchats.

    Männer wollen aber keine Vergewaltigungen. Alles unter dem Aspekt zu sehen, dass sie eine Kultur schaffen, die genau das ermöglichen soll, ist dann sehr weitgehend und kann auch leicht zu Fehlern führen.

    Das wird gerade hier deutlich, wo eine Frau ein bestimmtes Bild gemacht hat und es dann auf der Damentoilette aufgehängt wurde. Ein Zusammenhang damit, dass da jemand Vergewaltigungen fördern wollte halte ich da doch eher für unwahrscheinlich.

  6. BasementBoi

    @rhizom

    „Within feminism, rape culture is a concept used to describe a culture in which rape and sexual violence are common and in which prevalent attitudes, norms, practices, and media normalize, excuse, tolerate, or even condone rape.“

    -Rape culture wird mit Bezug auf andere Begriffe erklärt, wie z.b. Rape oder Culture. Eine gute Begriffsdefinition sollte aber den notwendigen Inhalt ohne Rückgriff auf andere Begriffe erfassen.

    -Anschließend wird der Umfang dieses vorher bestimmten Begriffes bemessen. Auch das ist hier nicht möglich. Inwieweit wäre z.B. Vergewaltigung von Manipulation oder Verführung abzugrenzen?
    In wieweit wäre eine ‚Rape Culture‘ von einer anderen Kultur die auf Gewalt aufbaut abzugrenzen?

    -Beispiele gehören nicht in eine Definition.

    -In wieweit erklärt der Begriff Kultur bzw. Rape Culture eigentlich eigentlich tatsächlich Vergewaltigungen? Warum könnte man Vergewaltigungen nicht auch auf eine schlechte Erziehung zurückführen?

    • proletin

      Inwieweit wäre z.B. Vergewaltigung von Manipulation oder Verführung abzugrenzen?

      Freche Frage, ist’s doch eigentlich offensichtlich: ein Mensch, der verführt wird, hat den Willen zum Sex. Die liegt bei Vergewaltigung offensichtlich nicht vor: der Wille wird bei der Vergewaltigung ja gerade gebrochen. Manipulation: möchte ich ein Beispiel hören.

      In wieweit erklärt der Begriff Kultur bzw. Rape Culture eigentlich eigentlich tatsächlich Vergewaltigungen?

      Wikipedia, wo du das ja her hast, kannst auch entnehmen, dass das Konzept der Beschreibung dient.

      Was soll an der Erklärung „schlechte Erziehung“ besser sein?

  7. BasementBoi

    So einfach ist das eben nicht. Ich zitier mal aus der Bahamas:

    „und Verführung hat, wenn sie gelingt, zur Folge, daß aus einem Nein ein Ja wird. Die ursprüngliche Intention, nicht mit dem Mann schlafen zu wollen, ist einem neuen Willen gewichen.“

    http://www.redaktion-bahamas.org/auswahl/web32-4.html

    Nun, am Konzept ’schlechte Erziehung‘ ist erstmal gar nichts besser. Es soll bloß alternative Erklärungen Raum geben, damit man den Sachverhalt präziser erfassen kann.
    Ich könnte auch behaupten es müsste viel mehr Vergewaltigungen geben, wäre sexuelle Gewalt gegen Frauen tatsächlich kulturell institutioniert…

    • proletin

      “und Verführung hat, wenn sie gelingt, zur Folge, daß aus einem Nein ein Ja wird. Die ursprüngliche Intention, nicht mit dem Mann schlafen zu wollen, ist einem neuen Willen gewichen.”

      Verstehst? Das hat mit Willensbruch nichts zu tun!
      Also ist das durchaus sehr einfach.

      • BasementBoi

        Es gibt dieses feministische ‚Aktion‘ „Nein heißt Nein“. Das bedeutet das man als Mann (oder auch als Frau) jegliche Bemühungen oder Versuche den anderen umzustimmen, bei einem anfänglichen „Nein“ sofort zu unterlassen hat!

        Zudem kann die Person im Nachhinein zu der Überzeugung kommen, das es überhaupt nicht ihr Wille war, mit der anderen Person zu schlafen. Dann wäre es keine Verführung sondern eine Vergewaltigung gewesen.

        • proletin

          Nein, das heißts nicht. Niemand sagt, dass man sich dann nicht normal unterhalten kann etc, und vllt hat die betreffende Person ja später Lust. Solange sie aber keine Lust hast auf Sex, ist entsprechendes Handeln zu unterlassen. Selbiges gilt für gezielte Berührungen: wenn jemand sagt, keinen Bock, lässt man das. Reden, nett und humorvoll sein: gegen das richtet sich das aber sicher nicht.

          Eine Person kann auch im Nachhinein auf die Idee kommen, dass Sex doch lässig gewesen wäre. Das nennt man PECH.

  8. rhizom

    Sorry, ich weiß überhaupt nicht, was du mir sagen willst. Den Kulturbegriff finde ich problematisch, weil er essentialistisch ist und nicht berücksichtigt, dass in einer Gesellschaft divergierende und sich widersprechende Normen existieren. Der Feminismus ist ja auch Teil dieser Gesellschaft und steht nicht außerhalb von ihr.

    Außerdem lädt der Kulturbegriff zu rassistischen Verschiebungen ein, weil Leute hierzulande über ihre „Herkunftskultur“ zu Fremden gemacht werden. Derjenige, der über Kultur spricht, betrachtet sie ja gleichsam schon von außen, weswegen immer nur die anderen einer „Kultur“ zu entstammen scheinen, während man die eigenen Normen nicht für „kulturell“, sondern für schlichtweg gegeben hält.

    Man sollte deshalb besser einen Begriff wählen, der zwischen der essentialistischen Vorstellung von einer „Kultur“ als homogener Einheit und der liberalen Fiktion angesiedelt ist, jeder sei ein autonomes Individuum. Nichts anderes meint es ja, wenn du die Tatsache, dass jemand als Vergewaltiger in Erscheinung tritt, auf „schlechte Erziehung“ zurückführst, d.h. als Ausdruck eines individuellen biographischen Zufalls deutest.

    Richtig ist: Es gibt ideologische Hegemonien, die bislang nur an den Rändern der Gesellschaft in Frage gestellt werden, und dazu gehört auch ein androzentrischer Diskurs, der sexualisierte Gewalt gegen Frauen als verzeihliches Malheur betrachtet und sie damit erst in diesem Umfang ermöglicht. Die sozialwissenschaftlichen Belege dafür hab ich dir oben zitiert.

    • BasementBoi

      Ich habe Dir gesagt was ich schwammig an dem Begriff ‚Rape culture‘ finde. Solange wir beide nicht wissen worüber wir eigentlich reden, werdens wirs wohl schwer haben uns zu verstehen.
      Und auf Gefasel oder aufgeblasenes Wortgeklingel lege ich keinen Wert.

        • BasementBoi

          Es wäre hilfreich zuersteinmal zu definieren was eine Vergewaltigung ist. Danach können wir den Begriff abgrenzen gegen andere Begriffe wie z.B Verführung oder Manipulation usw usw.

          • proletin

            Hier muss gar nichts „erst einmal“ definiert werden, denn jeder, der halbswegs normal unterwegs ist, weiß, dass Vergewaltigung ein gegen den Willen eines der Beteiligten durchgeführter Sexualverkehr ist.

  9. BasementBoi

    @proletin

    „jeder, der halbswegs normal unterwegs ist, weiß, dass Vergewaltigung ein gegen den Willen eines der Beteiligten durchgeführter.Sexualverkehr ist.“

    Du gehst davon aus das Menschen jederzeit wüssten was sie wollen. Dem ist aber oft nicht so. Selbstsicherheit bedeutet das fühlen, denken und handeln eine Einheit bilden.
    Dann ist man Kongruent.

    Oft weiß ich aber nicht was ich will, bin unentschlossen oder fühle mich nicht in der Lage eine Entscheidung zu treffen und dementsprechend zu handeln.
    Außerdem kann es gut sein das sich mehrere widersprichende Bedürfnisse in mir spüre (Appetenz-Appetenz Konflikt)

    In dieser Situation ist man besonders suggestibel also manipulierbar. Dann tut man unter Umständen Dinge, die man hinterher bereut.

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>