Anerkennung

»The number of people who still believe that the oppressed have to “earn” respect from their oppressors is truly astounding« <3

Ja, das finde ich auch. Die ganze Debatte um Anerkennung von Betroffenheiten ging und geht genau um das: dass man sich vor (angebliche oder wirkliche) Rassisten hinstellt und fordert, dass sie die Betroffenheit anerkennen, die damit (angeblich*) einhergehende Expertise ebenso, und dass sie sich dann anders verhalten.

Das hatte und hat für mich was bizarres. Wie wenn ein vom Antisemitismus geschädigter Mensch zu einem Nazi hingeht und bittet, dass er seinen Antisemitismus einstelle, weil ihn das ja schädige**. Das beeindruckt den Nazi natürlich nicht.
Wie es dann weiter geht: Man ist dann sauer & empört, wirft dann dem Nazi vor, dass er Nazi ist. Nur: das weiß der schon, und für das Vertreten der entsprechenden Inhalte hat er sich bewusst entschieden. Der sagt auf den Vorwurf höchstens: „Ja, und zwar weil das richtig ist.“

Jetzt ist es für einen Menschen, den sich Antisemiten ins Opferschema passend machen, natürlich nicht möglich, mit so einem solchen Debatten darüber zu führen, dass und wieso Antisemitismus falsch ist. Die Frage ist aber, was Menschen, die von Antisemiten nicht oder nicht sofort als Feinde einsortiert werden, zum Antisemiten sagen sollen. Sollen sie um Anerkennung der Betroffenheit der Geschädigten bitten? Oder ist das schlicht zynisch, weil der Antisemit eh weiß, dass die betroffen und geschädigt sind, weil er sie nämlich ganz bewusst betroffen macht und schädigt?

Ich will auf folgendes raus: Anerkennung ist kein geeignetes Mittel im Kampf gegen Rassismus, Sexismus, Antisemitismus. Wenn ich das schreibe, weiß ich ganz genau, dass ich mir damit den Titel „Rassistin/Sexistin/Antisemitin“ abhole. Weil das nämlich das einzige ist, wozu diese bizarre Politik taugt: Leute, die diese Pseudopolitik, die sich zwangsläufig nur in Szenekreisen etablieren kann, kritisieren, in diesen Topf zu werfen. Denn alleine das Einfordern von Argumenten, das „Ich möchte das erklärt bekommen, denn ich verstehe es nicht, ich bin noch nicht überzeugt“, ist vollkommen ausreichend für das einschlägige Urteil.
Diese ganze Politik schrumpft zusammen auf ein: Menschen, die eh schon überzeugt sind, kreisen um sich selbst und verurteilen den Rest moralisch. Selbstbestätigung, darauf läuft das hinaus, auf eine Inszenierung als moralisch erhabene Person.
Überzeugen lassen sich von sowas zwei Arten von Leuten: 1.) solche, die sich im Rahmen umfassender Persönlichkeitspflege auch als herausragende moralische Subjekte inszenieren wollen, 2.) solche, die sich wie ein Fähnchen-im-Wind der herrschenden Moral in der linken Szenerie (bzw. jenen Ecken, wo diese Politik halt etabliert werden konnte) anpassen – und bei nächstbester Gelegenheit auch wieder umschwenken.

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*Erfahrung ist nicht die richtige Erklärung der Erfahrung. Wieder Nazis, zB Neonazis in der ehemaligen DDR: Sind verarmte Proleten, machen aber nicht automatisch Klassenkampf – was richtig wäre -, sondern gehen auf Menschen los, die sie als „undeutsch“ ansehen. Insofern ist auch der in den letzten Tagen aufgekommene Vorwurf, ich und andere würden eine „Verelendungstheorie“ vertreten, falsch: Dass sich aus Erfahrung automatisch auch deren richtige Erklärung speise, behaupten nicht ‚wir‘, sondern die, die Erfahrung und Expertise in eins fallen lassen (was auch empirisch-historisch jederzeit widerlegt werden kann).
**Das kam gestern tatsächlich in der Debatte vor: Skandalisierung der „Grenzverletzung“, die ein Nazi tätigt. „Grenzverletzung“ ist, das wurde mir dann erst heute klar, ein Begriff, den ich ablehne, weil in diesen Topf vom Redeverhalten bis hin zum Massenmord alles reingeworfen wird – und das finde ich dann meist verharmlosend.

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