7 Lehren aus Entlassungen

Wenn Arbeiter entlassen werden, wenn gar ganze Betriebe geschlossen und Tausende mit Sozialplänen in die Arbeitslosenstatistik oder ins vorgezogene Rentnerdasein befördert werden, dann ist für die Betroffenen und für die fleißig anteil nehmende Öffentlichkeit – Gewerkschaft, Politiker, Unternehmer eingeschlossen – eines immer gleich klar: Da ist nichts zu machen; das ist hart, aber muss sein.

Wir meinen: nein, wenn die vom Kapital Beschäftigten aus Entlassungen die richtigen Lehren ziehen.

LEHRE NR. 1:

Was heißt schon „sicher“ bei einem Arbeitsplatz!

Es stimmt: Wegen nicht mehr lohnender Geschäfte werden Betriebe zugemacht. Was nicht stimmt: dass deswegen lohnende Geschäfte woanders Arbeitsplätze sichern würden. Einmal ganz abgesehen davon, dass ein Arbeitsplatz für denjenigen, der ihn gerade ausfüllt, nie eine Garantie darstellt, daß er ihn auch behält: Er ist durch andere Arbeiter jederzeit ersetzbar. Einmal ganz abgesehen davon, dass Geschäfte gerade mit Rationalisierungen lohnender gemacht werden – mit Maßnahmen also, die immer die Streichung von Arbeitsplätzen und deswegen mitten im schönsten Boom eines Betriebes auch Entlassungen einschließen. Nicht einmal das ist wahr, was den Arbeitern immer erzählt wird: dass dadurch die verbleibenden Arbeitsplätze sicherer würden! Erstens ist es sowieso schon eine Gemeinheit, denn bekanntlich wird die Familie des Gefeuerten nicht dadurch satt, dass andere Arbeiter nicht gefeuert worden sind. Und zweitens gehen die Kapitalisten in den Sprüchen, mit denen sie die Schließung eines Betriebs oder den Aufschwung eines anderen kommentieren, ihre Lüge selbst preis. Im ersteren Falle heißt es: Die Investitionen von gestern sind die Überkapazitäten< von heute. Arbeitern wird der Lohn gestrichen, weil die einstmals rentablen Investitionen sich heute nicht mehr lohnen. Bei den Betrieben, bei denen „der Schornstein raucht“, heißt es: Die Investitionen von heute sind die Gewinne von morgen, und die Gewinne von morgen sichern die Arbeitsplätze.
Ein und dieselben Investitionen sollen also einmal der Grund für gesicherte Arbeitsplätze und das andere Mal der Grund für die Massenentlassung sein. Was denn nun? Die Wahrheit sagen die Herren nie. Die heißt nämlich: Ob eine Investition von heute die Konkursmasse oder die Gewinnmaschinerie von morgen ist, das hängt eben ganz davon ab, wie die Mitkonkurrenten sich ihrerseits mit denselben Maßnahmen durchsetzen. Welchen Betrieb e s trifft, steht heute eben noch nicht festDass jedoch alle zusammen kräftig die nächsten Überkapazitäten ins Werk setzen, das steht jetzt bereits fest. Und darauf sollen Arbeiter bauen?

LEHRE NR. 2:

Arbeitsplätze sind das Erpressungsmittel der Betriebe – und der Wunsch nach einem „sicheren Arbeitsplatz“ ist die Unterwerfung unter diese Erpressung.

Mit der Aussicht auf „sichere Arbeitsplätze“ wird heute in allen Betrieben alles und jedes „begründet“. Seien es Überstunden bei Engpässen oder Sonderschichten bei Umrüstungen, seien es Umsetzungen mit oder ohne Abgruppierungen, seien es Streichungen von Pausen oder Kürzungen von Sozialleistungen…, immer geschieht alles, was Betriebe Arbeitern so zumuten, wegen der „Sicherung der Arbeitsplätze“; eine Lüge und eine Unverschämtheit obendrein: Was wird denn eigentlich versprochen? Wie sieht diese Sorte „Vorteils-Nachteils-Rechnung“ denn in Wahrheit aus?
Die Aussicht, die der Betrieb den Leuten eröffnet, heißt im Klartext: Wenn ihr jetzt die nächsten Angriffe auf euren Lohn und euer Leistungsvermögen schluckt, dann vermeidet ihr eventuell eure Entlassung. Schöne Rechnung: Eine Schädigung soll man akzeptieren, weil als Gegenleistung ein noch größerer Schaden eventuell vermieden werden kann. Und w  o  sind die Vorteile? Nichts ist mit Vorteilen! Den Arbeitern werden immer nur solche Rechnungen aufgemacht: Falls ihr nicht verzichtet, dann kommt es noch dicker!

Die Arbeiter von der AG Weser z.B. oder die von Arbed und andere haben verzichtet. Bei jeder neuen Entlassungswelle haben sie sich den Maßnahmen des Vorstands und Betriebsrats unterworfen – und gehofft, damit würden die anderen Arbeitsplätze wenigstens gerettet. Solange, bis wieder welche gerettet werden müssen oder keine Arbeitsplätze mehr zu retten sind!

LEHRE NR. 3:

Je mehr Vorleistungen der Betrieb den Leuten für die „Sicherung von Arbeitsplätzen“ abpresst, desto maßloser wird der Betrieb, und desto weniger lohnt sich die Arbeit für die Leute.

Für einen Betrieb ist eine gelungene und mit Billigung des Betriebsrats erfolgreich durchgesetzte Rationalisierung mit Sozialplan, Umsetzungen und Abgruppierungen nur ein Signal dafür, dass er freie Hand hat im Umgang mit den Arbeitskräften. Wenn ihm so mitgeteilt wird, dass Arbeiter an ihrer Arbeit kein anderes Interesse geltend machen als das, ihren Arbeitsplatz auf Biegen und Brechen behalten zu wollen, dann wird das kräftig ausgenützt. Der Betrieb sagt doch nicht: „So; jetzt habe ich an meine Bilanz gedacht. Das nächste Mal sind die Arbeiter dran, die können eine Lohnerhöhung und Leistungsminderung ganz gut vertragen!“

Noch jede Massenentlassung wird ergänzt durch ein betriebliches Lohnsenkungsprogramm: Da werden Akkorde gekürzt und Zeiten neu berechnet; da wird gestrichen, was zu streichen geht. Es geht ja! Wegen der „Arbeitsplätze“. Die nächste Lehre lautet also:

LEHRE NR. 4:

Man soll sich nicht um „sichere Arbeitsplätze“, sondern darum kümmern, dass sich die Arbeit für einen selbst lohnt.

Das ist überhaupt die wichtigste Lehre. Das ganze Anliegen, seinen Arbeitsplatz „sichern“ zu wollen, ist falsch! Das führt nur zu einem: dass man eine Arbeit behält oder auch nicht – je nachdem -, die nach allen Regeln der kapitalistischen Kunst vom Betrieb benutzt wird. Das Resultat davon ist auch in florierenden Betrieben zu besichtigen. Wo kommen denn die Arbeiter nach der Arbeit frisch und munter und mit einem ordentlichen Batzen Geld nach Hause? Wo kann denn ein Arbeiter von sich ernsthaft behaupten, seine Arbeit habe sich für ihn aus gezahlt?

Wer sich auf den Erpressungszirkus einlässt, der kommt darin um. Für den Erhalt von Arbeitsplätzen auf all das zu verzichten, weswegen man überhaupt zur Arbeit geht, das ist eine schädliche Dummheit! Was hat man denn, wenn man den Arbeitsplatz „erhalten“ hat: die Aussicht, wegen der „Erhaltung des Arbeitsplatzes“ noch mehr für noch weniger Geld rangenommen zu werden!

Arbeiter und Angestellte können heute beim Blick auf ihren Lohnstreifen feststellen, dass der Lohn von heute das Arbeitslosengeld von gestern ist. Daraus folgt, dass das Arbeitslosengeld von heute der Lohn von morgen ist. Und deswegen gehen die Leute zur Arbeit? Das kann ja wohl nicht sein.

Also:

LEHRE NR. 5:

Nur solange der Betrieb scharf auf ihre Arbeit ist, haben Arbeiter ein Mittel in der Hand, um die Arbeit für sich lohnender zu machen.

Das muss man nicht lange beweisen. In Bremen hat die Werftbelegschaft z.B. die Werft besetzt, als es dort nichts mehr zu besetzen gab. Da bringen ja Hausbesetzungen noch mehr, nämlich zeitweilig ein Dach überm Kopf. Aber eine Werft besetzen, in der ohnehin nicht mehr gearbeitet wird, und dann auch noch peinlichst darauf zu achten, dass ja der letzte Reparaturauftrag auftragsgemäß erledigt wird, das taugt nichts, jedenfalls nicht für die Durchsetzung irgendeines Interesses. Dafür waren die Werftler zu spät dran. Es sei denn, sie hatten das gar nicht vor. Wenn sie ohnehin nur die Ungerechtigkeit, die ihnen widerfahren ist, demonstrativ bejammern wollten, dann war diese „Besetzung“ goldrichtig.

Allerdings muss man sich über eines im klaren sein, und das führt zu

LEHRE NR. 6:

Hilfe darf man von niemandem erwarten, wenn man ernstlich daran gehen will, die Arbeit für sich selbst lohnender zu machen. Das ist eine bittere Lehre. Von den Unternehmern etwas zu erwarten wäre ohnehin dasselbe, wie das Finanzamt mit einem Dukatenesel zu verwechseln.

Die Parteien und die staatlichen Stellen? Denen sind immer die „Hände gebunden“, wenn es darum geht, Leuten ein Einkommen zu erhalten. Beim Abkassieren sind die Hände alles andere als „gebunden“. Geld gibt es dafür, dass die Betriebe ordentliche Geschäfte machen. Aber das hat ja mit lohnender Arbeit für die Arbeiter nichts zu tun – siehe: Lehre Nr. 1.

Die Öffentlichkeit ist immer voll „solidarisch“, wenn es darum geht, die Opferbereitschaft von Leuten zu feiern. Wehe, die wagen es mal, nicht mehr nur Opfer sein zu wollen. Dann ist es aus mit der „Solidarität“.

Wer bleibt? Da war doch noch was? Richtig, die Gewerkschaft! Der ehemalige IG-Metall-Chef Loderer sagte auf dem Gewerkschaftstag zu den Besetzungen: „Das ist nicht mein Stil!“ So kann man auch ausdrücken, dass man als Gewerkschaft jede Gegnerschaft zum Kapital – und sei es auch nur eine solche Werftbesetzung – unterbinden will! Streikgeld gibt es dafür nicht. Andere Hilfe auch nicht. Wenn es nicht die ganze Belegschaft, sondern nur Teile gewesen wären, hätte die IG Metall die „Rädelsführer“ wahrscheinlich aus der Gewerkschaft geschmissen!

Die Gewerkschaft will eben was ganz anderes, als die Arbeiter vor weiterem Schaden zu bewahrern. Die will Beschäftigungspolitik machen! Dafür hat sie seit 3 Jahren Lohnkürzungen tariflich durchgesetzt und kündigt – als „Preis“ (Hans Mayr, neuer IG-Metall-Chef) für die Arbeitszeitverkürzung – für die nächsten Jahre die Fortsetzung dieser Lohnverzichtspolitik an. Alles nach dem Motto: „Jahrelang haben wir klargestellt: Lohnverzicht schafft keine Arbeitsplätze. Jetzt werden wir zeigen, daß beides auch mit Arbeitszeitverkürzung zu haben ist!“ Eine harte Wahrheit. Aber eben eine Wahrheit. Die Gewerkschaft hilft keinem Arbeiter, keiner Belegschaft, die auf die Idee kommt, mal für sich was rausholen zu wollen; sie bekämpft solche Anliegen. Grund genug, der Gewerkschaft diese Sorte Interessenvertretung gründlich zu vermasseln. Folglich heißt

LEHRE Nr. 7:

Wenn die Arbeiter den Spieß umdrehen und aus der Arbeit für sich was rausholen wollen, dann müssen sie aufhören,

  • den Arbeitsplatz für das höchste Gut des Arbeiters zu halten;
  • „Solidaritäts“appelle mit Unterstützung zu verwechseln;
  • ihre Gewerkschaft als Einrichtung zu behandeln, „ohne die es noch schlimmer wäre“.

Wie schlimm soll es eigentlich noch werden?

Ein klares Wort der Unternehmerschaft

„In einer Entschließung unterstreicht der Bund katholischer Unternehmer, dass er von der Sozialverpflichtung des Eigentums und des Wirtschaftens nicht abrücken wolle. Aber es hätten sich unter der Überschrift ‚Sozialpolitik‘ Entwicklungen vollzogen, die als zutiefst unsozial angesehen werden müssten. So sei es unsozial, die Arbeitslosigkeit durch pauschale Regelungen der Arbeitszeit auf ältere Mitmenschen abzuschieben, durch den überzogenen Kündigungsschutz nur die Besitzer von Arbeit zu schützen, durch übertriebene Sozialpläne Unternehmen in den Konkurs zu treiben und Arbeitsplätze zu vernichten, die gerettet werden könnten, durch zu hohe Arbeitskosten die Schattenwirtschaft zu fördern…“ (Süddeutsche Zeitung)

Die „Sozialverpflichtung des Eigentums“ kann also nur dann gewahrt bleiben,

  • wenn die Arbeitslosigkeit auf ältere und jüngere Mitmenschen „abgeschoben“ wird;
  • wenn die Unternehmer bei ihren speziellen Regelungen zur Arbeitszeit und Produktion von Arbeitslosen in keiner Weise beschränkt werden;
  • wenn der Kündigungsschutz weniger die „Arbeitsplatzbesitzer“, dafür um so mehr die Gekündigten „schützt“;
  • wenn Konkurse unbehindert von Sozialplänen gemacht werden könmen, denn nur das „erhält Arbeitsplätze“;
  • wenn durch niedrigste Arbeitskosten die Schattenwirtschaft in den Schatten gestellt wird.

Merke: Die sozialste Einrichtung ist der Profit.

Quelle: MSZ 1983 Ausgabe 12

2 comments

  1. Pingback: contradictio.de » Allgemein » Aus dem Archiv: 7 Lehren aus Entlassungen
  2. Xaver

    Passend zum Thema einige Ergänzungen, ebenfalls aus dem Archiv:

    Manifest gegen den DGB: DGB – POLITIK AUF KOSTEN DER ARBEITER (MSZ 4/1982)

    „Daß dieser Verein die Organisation der deutschen Arbeiter ist, spricht nicht im geringsten für den DGB. Das beweist nur, was für schlimme Fehler die deutschen Arbeiter sich bei der gewerkschaftlichen Vertretung ihrer Interessen leisten. Und daß diese Fehler schon wieder eine 30-jährige Tradition haben, spricht erst recht nicht für sie. Wir meinen: 3 Jahrzehnte DGB sind genug!“

    http://www.gegenstandpunkt.com/msz/html/82/82_4/dgb.htm

    Dazu: EINE „REPLIK“ DES DGB (MSZ 4/1982)

    „Daß der DGB gegen diesen Protest gleich seine aus Stuttgart eigens mitgebrachten ortsfremden Schlägertrupps losschickt, wundert uns nicht besonders. Diejenigen, die sich dafür abkommandieren lassen, möchten wir aber doch einmal fragen: Was habt Ihr eigentlich davon?“

    http://www.gegenstandpunkt.com/msz/html/82/82_4/dgb2.htm

    Vom AK Klassenfrage organisierte Podiumsdiskussion mit Peter Decker (GegenStandpunkt) und Mag Wompel (LabourNet) am 7. Mai 2011 in Berlin:

    Sechs Jahrzehnte DGB – Klassenkampf oder Kooperation?

    Ankündigung:

    http://klassenfrage.blogsport.de/2011/04/12/7-mai-2011-teaser-fuer-podiumsdiskussion/

    Mitschnitt:

    https://archive.org/download/SechsJahrzehteDgbKooperationOderKlassenkampf/Kooperation_oder_Klassenkampf.mp3

    Peter Decker:

    „Wir haben jetzt, natürlich wie so oft, die Situation, dass die Kontroverse nur zwischen linken Gewerkschaftskritikern abläuft. Oder, dass das, was Diskussion sein sollte mit denen, die so richtig einfach für die Gewerkschaft, so wie sie es gibt, was sie auf dem Programm hat, eintreten würden, die sind ja wieder gar nicht da. Jetzt schimpfen also zwei linke Gewerkschaftskritiker auf verschiedene Weise auf die Gewerkschaft. Und es geht ein bisschen darum, dass man die Feinheiten dieses Unterschiedes, wie die darauf schimpfen, ein bisschen herausarbeitet, das ist jetzt halt die Lage. Also geht es dann auch darum. Natürlich wäre es viel interessanter, mit einem Gewerkschafter, der einfach das Programm vertritt, dass die auch wirklich betätigen, über dieses Programm zu reden, aber man muss halt die Diskussionspartner nehmen, die man kriegt.

    Ich will ein paar harte klare Thesen machen, dann hört man auch den Unterschied raus, zwischen dem, wie die Mag argumentiert und wie ich das mache. Z.B. Überschriften zu machen wie zum Beispiel über die heutige Veranstaltung „Kooperation oder Klassenkampf“: Die Überschrift ist nahezu trivial in der heutigen Situation: Jeder weiß doch dass die Gewerkschaften sozialpartnerschaftlich orientiert sind, dass sie Klassenkampf für absurd halten und für vorgestrig. Dieses „oder“ ist also gar keine wirkliche Frage, sondern es ist eigentlich der Wunsch der Veranstaltung, man möge statt Kooperation Klassenkampf auf die Tagesordnung setzen. Von da aus ist es einerseits furchtbar leicht, den Gewerkschaften, dem DGB, wie der existiert, vorzuwerfen, dass er lauter wirtschaftliche Vernunft an den Tag legt, wenn er im Konflikt mit dem Kapital um Tarife und Löhne streitet, dass seine eigenen Vertretern im Betrieb Ko-Management betreiben und selber die Belegschaft verwalten im Sinne des Betriebes. Der DGB-Chef Sommer steht ein bisschen dafür, dass die Gewerkschaft saugut ist im Jammern und Betteln und darüber zu klagen, dass die Gerechtigkeit ausbleibt. Ja das ist alles leicht festzustellen, und es ist auch berechtigt, das festzustellen. Dem allen sieht man die Unterordnung der Interessen derer, die die Gewerkschaften vertreten unter die Erfordernisse und Bedürfnisse und Interessen der anderen Seite, unter die Interessen des Kapitals, leicht an.

    Zweitens, es ist auch leicht, und in der Linken üblich, der Gewerkschaft eine konsequentere Vertretung der Arbeiterinteressen an zu empfehlen oder sie dazu aufzufordern. Ihr die Inkonsequenz vorzuwerfen und Konsequenzen einzufordern. Das halte ich allerdings für verkehrt.Von der Linken, von der DKP, von der MLPD, kennt man die Art, wenn die Gewerkschaften 5 % mehr verlangen, dann sind die Linksradikalen die, die sagen 7 % mehr. Und wenn die Gewerkschaften einen Warnstreik ausrufen, dann sagen die Linksradikalen: Echt streiten! Das, was die tatsächlich machen, um höhere Forderungen und größere Kampfbereitschaft zu überbieten, das ist die gängige Gewerkschaftskritik, die der Gewerkschaft abverlangt, sie soll Arbeiterinteressen konsequenter vertreten.

    Und dagegen möchte ich sagen, diese Forderung ist verkehrt. Arbeiterinteressen kann man gar nicht besser vertreten! Vielleicht anders: Gewerkschaften müssten nicht so sein wie der DGB ist, aber die Interessen der Lohnarbeiter in dieser Gesellschaft sind selber eine so vertrackte Angelegenheit, dass man die gar nicht vernünftig und konsequent vertreten kann. Und deswegen meine ich auch, dass die verbreitete Aufteilung, (du hast es vorhin halb distanziert zitiert, ich weiß nicht, ob das wirklich distanziert gemeint hast,) jaja die Gewerkschaften sind halt zuständig für die Interessenvertretung der Arbeiterschaft im Kapitalismus und das reicht den Radikaleren natürlich überhaupt nicht, es müsste die systemtranszendierende andere Perspektive, es müsste die Perspektive einer sozialistischen Gesellschaft obendrauf gesetzt werden, dazu kommen. Mit dem Gedanken: Im Kapitalismus machen sie das Richtige und Nötige, vielleicht auch mit dem Gedanken: Im Kapitalismus machen sie nicht das Mögliche und Nötige, aber die sozialistische Perspektive, die den Kapitalismus umstürzende Perspektive, die wäre eine Zutat. Und man könnte quasi so Frieden schließen zwischen den Radikalen und den Gewerkschaften, wie sie es gibt, mit dem Ton, naja in eurem begrenzten Feld macht ihr es schon irgendwie, wie das sich gemacht gehört, aber in unserer weiteren Perspektive bleibt das natürlich weit zurück.

    Diese Sorte des Friedenschließens möchte ich nicht mitmachen, möchte ich angreifen, und sagen: Nein, es ist umgekehrt: (das hast durchaus auch mit deinen Worten vertreten): Weil sie diese Erwerbsquelle, die die Arbeiter in dieser Gesellschaft haben, verteidigen und benutzen wollen, weil sie was übrig haben für die Erwerbsquelle des Lohnarbeiters, das ist ihre Basis, aus der wollen sie etwas machen, deswegen machen sie auch im Kapitalismus alles verkehrt! Also nicht: sie machen es schon irgendwie richtig aber die sozialistische Perspektive fehlt. Sondern: Weil sie diese Erwerbsquelle gar nicht kritisieren, machen sie auch hier alles verkehrt!

    In einer anderen Weise dieser Gedanke ausgedrückt: Bei den Gewerkschaften passt der Grund, warum es sie geben muß, und der Zweck für die es sie gibt, nicht zusammen. Das muß ich jetzt ein bisschen erläutern:

    Der Grund, warum es sie geben muß und der Zweck, für den es sie gibt – man denkt, das wäre ein und das selbe – passen da nicht zusammen. Was meine ich damit: (und ich meine das durchaus so im Sinne, Gewerkschaften sind einmal gegründet worden, ob das heute noch jeder, der unter dem Druck des Betriebsrates einen Beitrittsantrag unterschreibt, genauso sieht, weiß ich auch nicht). Aber im Prinzip sind Gewerkschaften einmal gegründet worden aus einer Erfahrung heraus: Wenn man mit seiner Fähigkeit, seine Arbeitsbereitschaft anzubieten, seinen Erwerb sucht, Arbeiten geht, und den Arbeitgebern ihren Weg lässt, dann kommt heraus, dass man von der Arbeit nicht einmal leben kann. Das ist die Erfahrung, die der Gründung von Gewerkschaften in jedem Fall zu Grunde liegt. Sie müssen sich zusammenschließen, damit sie überhaupt irgendeine Rücksicht für das, wofür sie arbeiten gehen, nämlich: sie müssen leben, sie müssen irgendeine Geldquelle haben, erzwingen zu können, denn von selbst findet Rücksicht nicht statt, im Gegenteil, das Geschäft der Unternehmen besteht darin, Gewinn zu machen und der Gewinn besteht darin, eine Differenz zwischen den Kosten, die der Betrieb hat und den Preisen, die er erzielen kann, herbeizuführen. Und im Kampf um diese Differenz ist der Lohn nach zwei Seiten das entscheidende Mittel: Einerseits nach der Seite, dass der Unternehmer sich damit Leistung kauft, und davon will er mit dem Geld, dass er ausgibt, möglichst viel kaufen. Schon deshalb, damit er möglichst wenig Arbeitern Lohn zahlen muß. Lange Arbeitsstunden, Arbeitsverdichtung, hohe Leistungsstandards, und was heute so gültig ist, eine enorme Flexibilität der Arbeit, so dass die Arbeitskräfte, ganz unabhängig davon, wann sie frei haben und wann nicht, im Grunde immer dem Betrieb zur Verfügung stehen und ihre Freizeit die variable Größe des Betriebsbedarfs ist. Nach der Seite der Leistung.

    Nach der Seite des Geldes, das dafür bezahlt wird, ist der Lebensunterhalt der arbeitenden Menschen eine leidige Unkost dessen, worum es in der Wirtschaft geht: Der Lohn ist fürs Unternehmen umso nützlicher, je weniger man dafür bezahlen muß, um die Leistung zu kriegen. Und deswegen ist die Tendenz von der Seite der Unternehmer her eindeutig: Den Lohn immer weiter nach unten zu drücken, wenn das zu machen ist. Man muß ernsthaft diesen Satz sagen: Jeder Sklavenhalter war mehr interessiert dran, dass seine lebendigen Arbeitsinstrumente genug zu fressen kriegen und gesund bleiben als es der moderne freiheitliche Unternehmer ist, der sich Arbeitskräfte auf Zeit vom Arbeitsmarkt holt. Der Sklavenhalter, der hat nämlich Eigentum zu verlieren gehabt, wenn der Sklave umkippt. Der Arbeitgeber muß bloß schauen, dass auf dem Arbeitsmarkt das Angebot groß genug ist.

    Und nichts von dem – das klingt jetzt alles recht fundamental und manchesterkapitalismusmäßig – ist irgendwie überholt, das bezeugt und verrät immerhin die Mindestlohndebatte in Deutschland. Daß acht Millionen (hast du vorhin gesagt?) im Niedriglohnsektor beschäftigt sind und Löhne kriegen, von denen sie ein Leben nicht bestreiten können und schon gleich nicht eine Familie unterhalten.

    Das Zweite, was jeder Gewerkschaftsgründung an Einsicht zugrunde liegt, (das erste war die Einsicht, vom Arbeiten kann man nicht leben, dass man einen Beitrag zu dem Gesamtwerk Produktion und Verteilung leistet, das ist kein hinreichende Bedingung, um leben zu können, in dieser Wirtschaft). Die zweite Erfahrung die diesem Ganzen zugrunde liegt, ist: Als Einzelner ist der Arbeitnehmer der Festlegung von Preisen und Konditionen, die die Unternehmer machen, wenn sie Leute einstellen, absolut hilflos ausgeliefert. Was aus ihm wird, entscheidet ganz das Interesse der anderen Seite. Sie haben sich zusammengeschlossen, um als Kollektiv der Arbeitenden Druck ausüben zu können, um als Kollektiv Nein sagen zu können und um damit überhaupt so etwas wie eine Verhandlungsposition zu erzeugen.

    Warum sind sie eigentlich den Angeboten der Unternehmerseite so unbedingt ausgeliefert , wenn sie Arbeit suchen? Deswegen, weil (bei Marx heißt es der doppelt freie Lohnarbeiter) der Mensch mit seinem Arbeitswillen in dieser Gesellschaft noch nicht mal in der Lage ist, Arbeit auszuüben, auf eigene Faust und auf eigene Rechnung. Der Mensch kann die ihm notwendige Arbeit, denn er muß Geld verdienen, damit er leben kann, er kann sie gar nicht erledigen, wenn er meint, er braucht es und er meint, er will es. Denn die Produktionsmittel, die nötig sind, um auf dem Stand der Produktivität auf dem Markt Waren oder Dienste anzubieten, für die man auch Geld kriegen kann, diese Produktionsmittel besitzen andere. Einen Schrubber kann sich vielleicht jeder kaufen, und sich sagen, das ist doch ein Produktionsmittel, denn mit diesem Produktionsmittel kann man sich halt in der heutigen Welt nicht mehr sehen lassen, wo eine automatische Fabrik dasteht. Und man sieht ja auch: die Versuche von Arbeitslosen, sich selbstständig zu machen, ohne großes Vermögen, sie enden alle mit so Imbissbuden, also mit trostlosen Formen des Versuchs, einen Erwerb ohne Arbeitgeber zu finden. Weil in Wahrheit jeder echter Erwerb in dieser Gesellschaft nur über den Arbeitgeber läuft. Das macht die Sache der absoluten Abhängigkeit aus. Die Leute sind wirklich auf das Angebot der Gegenseite unbedingt angewiesen, denn sie sind in der hilflosen Lage, arbeiten zu müssen, und die Mittel, die Arbeit wirksam machen, nicht zu besitzen, weil, die besitzen andere. Das ist die zweite Einsicht, die der Gründung von Gewerkschaften auch historisch zu Grunde liegt.

    Da ziehe ich jetzt einen Schluss, den macht nicht jeder Gewerkschafter mit, aber den sollte man mitmachen, und dieser Schluss liegt wirklich nicht weit. Der Schluss heißt: Wenn das die Bedingung des Arbeitens ist, andere besitzen die Produktionsmittel, alle Bedingungen der Arbeit, man selber besitzt die bloße Bereitschaft, und die ist ohnmächtig, ohne die Mittel, die die anderen haben, wenn das die Grundlage des Vertragsverhältnisses ist, in das die beiden am Schluss einwilligen, dann ist klar, dass sich da hinterher nicht zwei irgendwie gleiche Parteien um den Ertrag des Sozialproduktes streiten, wie es zum Kapitalismus natürlich immer gehört, dass sich zwei um Preise streiten, auch Unternehmer untereinander streiten sich um Preise, jeder will möglichst wenig zahlen und möglichst viel kriegen. Formell ist der Arbeitnehmer auch nichts anderes, auch der möchte möglichst möglichst wenig Leistung bringen müssen, und auf der anderen Seite möglichst viel kriegen, möglichst viel Lohn kassieren. Aber diese Analogie zu allen anderen Handeltreibenden, ist ein Irrtum, ist eine Täuschung. Denn in diesem Fall treffen nicht zwei selbstständige ökonomischen Subjekte auf einander, um dann um die Größe des Vertrages zu konkurrieren, sondern da trifft die eine Seite mit ihrem Wunsch von Arbeit leben zu können, auf die andere Seite, deren wirtschaftliches Mittel der Besitz der Produktionsmittel ist, der ausschließende Besitz der Produktionsmittel, so dass die Seite der Unternehmer ihr Interesse zur Bedingung des Vertrages machen kann. Da gibt es nicht ein Sozialprodukt und hinterher sagen die einen und die anderen, wieviel kriege ich denn nun davon, sondern das Sozialprodukt kommt überhaupt nur zustande, wenn das Interesse der Unternehmer befriedigt ist. Das Interesse der Unternehmer ist nicht auch ein Interesse neben den anderen, sondern das Interesse der Unternehmer ist die Existenzbedingung des Interesses der anderen. Leuchtet das ein?

    Deswegen ist völlig klar: Wie immer man das Interesse vertritt, das Interesse der Arbeitnehmer, auch etwas zu kriegen, die Hauptsache, dass das andere Interesse den Vorrang genießt, dass das andere Interesse zuerst kommt, dass der Gewinn stimmen muss, sonst gibt es überhaupt keine Produktion, und keine Arbeitsplätze und keinen Streit um den Lohn, dieser Vorrang, diese Unterordnung ist die Bedingung des ganzen Vertragsverhältnisses und nicht etwa etwas, worum man im Vertragsverhältnis streitet.

    Das drückt schon aus, das ist ein Verhältnis, das geht im Prinzip nicht zu korrigieren. Da können sich die Arbeiter gerne zusammenschließen, und sagen, wir fordern Lohn. Aller Lohn, der herauskommt, hat den Gewinn zu seiner Voraussetzung, sonst kommt er auch gar nicht heraus. Das ist also ein Verhältnis, das ist, das kann man nicht in Ordnung bringen! Das war ein Schluss von mir aus dem von den Gewerkschaften immer noch irgendwie gewussten Grund, warum es Gewerkschaften gibt und braucht. Der Grund war, Nummer eins: Weil man von Arbeit nicht einmal leben kann, wenn man es den Unternehmern überlässt, den Lohn festzusetzen. Und Erkenntnis zwei: Weil man als einzelner Arbeitnehmer absolut ausgeliefert ist.

    Jetzt kommt die andere Seite: Die Gründe, warum es Gewerkschaften gibt, das war meine Rede, passen nicht zu dem Zweck, für den es sie gibt. Die Gründe sind zwei fundamentale Momente dessen, was man Ausbeutungsverhältnis nennt. Die Gründe, warum es Gewerkschaften braucht, sind das Ausbeutungsverhältnis dieser Gesellschaft. Und der Zweck, für den es Gewerkschaften gibt, ist, damit wollen wir zurecht kommen. Würden sie den Gründen nachgehen, dann käme die Idee, damit will man zurecht kommen, gar nicht auf. Sowas will man loswerden, das will man bekämpfen, das will man kaputtmachen, wäre der korrekte Schluss aus den Erfahrungen, die ja auch den Gründungen von Gewerkschaften zugrundeliegen.

    Wenn Sie dann gegründet sind, und ihren Zweck verfolgen, dann heißt der Zweck jetzt auf einmal umgekehrt: Aus diesem Ausbeutungsverhältnis, da machen wir etwas draus! Man muss sich einmal den Widersinn dieses Projektes vor Augen führen, den könnte man nämlich so ausdrücken: Wir benutzen das Ausbeutungsinteresse unserer Ausbeuter, um uns selber besser zu stellen. Nicht: Wir weisen das zurück! Wir machen das kaputt! Nein, wir nutzen das Ausbeutungsinteresse der Ausbeuter, um uns besser zu stellen, ja was kann da noch rauskommen? Da merkt man, Gewerkschaften sind Organisationen, die sind parteiisch für die Erwerbsquelle des Lohnarbeiters im Kapitalismus. Und deshalb sind sie so widersprüchlich und so verkehrt wie die Erwerbsquelle selber.

    Da merkt man, dass die Arbeitnehmerschaft wirklich auf den Formalismus der Freiheit rein fällt, sie sind auch freie Subjekte, sie können auch um den Preis ihrer Ware wuchern, wie es jeder kann in der Marktwirtschaft, sie können verhandeln, sie können auch nicht abschließen. Ja, können Sie, und der Formalismus der Freiheit, sie sind quasi Händler in eigener Sache, wie andere Händler in Sachen Öl oder in Getreide sind, der Formalismus der Freiheit, den ziehen sie den Inhalt, mit dem sie handeln total vor. Sie tun so, als ob sie, weil sie frei sind, weil es erlaubt ist, um den Preis der Ware zu feilschen, als ob sie deshalb den Preis der Ware wirklich bestimmen und zu einer Höhe bringen könnten, mit der sie sich gut stellen.

    Tatsächlich findet der ganze Handel überhaupt auf Basis der Unterordnung der Arbeit und das Kapital statt und die wird nie mehr korrigiert und nie mehr widerrufen und auch noch nicht einmal irgendwie materiell ausgeglichen oder kompensiert für die Schäden. Das meine ich, ist die wichtige Grundlegung für die weiteren Überlegungen. Gewerkschaften sind parteiisch für die Erwerbsquelle des Lohnabhängigen im Kapitalismus. Und dann deklinieren sie vom Standpunkt, diese Erwerbsquelle soll funktionieren, alle Erfordernisse dieser Erwerbsquelle durch. Bis hin zu Arbeitsplatz verteidigen, Standort Deutschland verteidigen, und womit? Immer mit dem eigenen Verzicht!

    Damit wäre ich jetzt eigentlich mit dem Einleitungsstatement fertig, und wir könnten erst mal einen ersten Punkt setzen. Das war jetzt die Versuche ein paar Fundamentals uns zu sagen und vielleicht ist das auch schon gut genug dafür, dass man in den Streit über die Sache eintritt. Vielleicht aber auch nicht, dann würden wir weitergehen und darüber reden, wie schaut auf dieser Basis gewerkschaftliche Forderungen und das Geltendmachen also der Inhalt von Forderungen aus.

    Um noch einmal deutlich zu machen, worauf ich hinaus will und wo mein Gewicht sein soll: ich möchte ein bisschen auf der Notwendigkeit herumreiten, dass die Vertretung von Arbeiterinteressen so jämmerlich endet. Wenn man das nicht gelten lassen will und natürlich will man das nicht gelten lassen, dann ist die Verabschiedung vom Arbeiterinteresse selber erforderlich, die Kritik der Erwerbsquelle selber. Der gegenüber verhalten sich Gewerkschaftler, übrigens auch radikalere, sehr affirmativ, sehr bestätigend. Dieses: Wir haben doch ein Mittel, unsere Arbeit, das ist der große Irrtum der Arbeiterschaft! Und dem Nachgehen, und dessen Logik folgen, dann endet es auch schon so ähnlich, wie man es jetzt kennt.

    Jetzt will ich noch meinen Punkt über Tarifforderungen ein bisschen rein bringen: in Bezug auf Mags Vorschläge noch ein bisschen vertagen. Die Vorschläge gehen darauf hinaus, was du gerne hättest, was Gewerkschaften sich stattdessen aus Panier schreiben sollten: echter Mindestlohn, der echt die Menschen sicherstellt, plus die Lebenssicherung von Leuten, auch wenn sie keine Arbeit haben, damit sie nicht in die gepresste Lage geraten, diese Richtung, die du angesprochen hast. Ich will noch einen Punkt deutlich machen: Die Gewerkschaften in ihrer Entschiedenheit, in ihrer Entschlossenheit, aus der Lohnarbeit zu machen, was damit zu machen geht, sehen ihren Gegner ganz verkehrt. Und sind deshalb auch in ihrem Fordern auf einer ganz anderen Ebene als wir das hier untereinander bereden. So rationell, dass sie sagen würden, naja natürlich hätten wir gerne mehr und bräuchten wir mehr, aber man darf dem Kapital nicht schaden, man kann schon sagen, irgendwo ist das schon die Grenze, aber das machen die sich noch nicht einmal so bewusst. So wird noch nicht einmal wirklich argumentiert. Da würde ja glatt noch die Unverträglichkeit der Kapitalrechnung mit den eigenen Ansprüchen zu halt zum Thema werden.

    Wenn Gewerkschaften Löhne fordern, dann hat man natürlich das Grundprinzip, sie wollen mehr Geld kriegen. Aber, was sagen Sie dazu? Sie begründen es, und sie begründen es nicht mit: dem Kapitalisten muss man sowieso alles wegnehmen,, denn freiwillig gibt er nicht her, also schauen wir, was wir wegnehmen können.. So denken die überhaupt nicht, die denken von einem Gemeinschaftswerk her. Die tun so, als ob eine kapitalistische Volkswirtschaft eine Art Zusammenarbeit zum Wohle aller wäre. Und melden dann eigene Ansprüche an mit dem Verweis darauf, wie nützlich sie für die Ergebnisse dieses Gemeinschaftswerkes gewesen sein.

    Das geht damit los, wie werden Lohnforderung begründet? Erstens: Sie wollen am Produktivitätsfortschritt beteiligt werden. Da steckt die ganze Unterordnung schon drin. Der ganze Produktivitätsfortschritt ist doch gar nichts anderes als, dass die Unternehmen neue Technologien anwenden, um Arbeiter zu verbilligen. Nach beiden Seiten hin: Arbeiter raus zu schmeißen, die man nicht braucht, also nicht mehr bezahlen muss, und nach der anderen Seite, die Arbeiter, die man noch bezahlt, intensiver, schneller, produktiver arbeiten zu lassen, so dass pro Stück der Lohn auch wieder sinkt. Produktivitätsfortschritt ist überhaupt nichts anderes als eine einzige arbeiterfeindliche Maßnahme! Jetzt sagen sie nicht, so etwas wollen wir verhindern, Sie sagen, so etwas wollen wir laufen lassen, das wollen wir sehen, aber an der Verarmung, die wir erleiden, wollen wir quasi geldmäßig beteiligt werden. Dass das Thema den Fortschritt der Verarmung einschließt, wenn man dann am Produktivitätsfortschritt mit einem Prozentsatz beteiligt wird, das ist gegessen.

    Das nächste ist die andere Argumentation, warum sie Lohn verdienen: Inflation, Inflationsausgleich. Was ist das? Das ist das Bemerken, dass die Arbeitskräfte übers Jahr automatisch ärmer werden. Nach beiden Seiten hin, die erste Seite habe ich ja gerade gesagt, Produktivitätssteigerung verbilligt ja ihre Leistung für die Firma, nach der anderen Seite, das, was sie als Lohn nach Hause tragen, wird in dem Maß der Inflation immer weniger wert. Und wer macht die Inflation? Natürlich die Unternehmer, die höhere Preise verlangen für ihre Waren, also ihren Gewinn dadurch steigern, dass sie ihr Produkt zu einem höheren Preis verkaufen können, während ihre Kosten gleich bleiben oder sinken. Jetzt wollen die Arbeitnehmer Entschädigung für Inflation. Sie erinnern daran, dass doch die andere Seite schon die Gelegenheit zum reicher werden bekommen hatte, und da wollen sie, ja, (am Schluss kommt es dann nie heraus), da wollen sie wieder so schlecht gestellt werden, wie sie letztes Jahr gestanden sind!

    Ich weiß nicht, gibt es noch mehr Gründe für Lohnerhöhung? Wichtig ist nur eines, der Grund, warum sie es tun, kommt nicht vor: Der Grund, dass der Arbeiter vom Lohn leben muss, der steht im Hintergrund der Lohnforderung, aber der ist nicht Gehalt der Lohnforderung. Anders ausgedrückt, die Lohnforderungen haben alle selber die Natur: Ihr habt doch das Jahr über mehr Gewinn erzielen können, und wir haben es euch genehmigt, wir haben es geschehen lassen, also könnt ihr doch zahlen, ohne dass es für euch ein Problem ist. Und an der Stelle werden sie dann kritisch gegen die Raffgier der Unternehmer. Die Raffgier der Unternehmer, man kennt das dann auch, sie sind dann kritisch gegen Maximalprofite, und man hört sofort heraus: Normalprofit ist gegessen, wenn der Maximalprofit der Gegenstand der Kritik ist. Also bei allen Forderungen selber, überall, wo sie fordernd auftreten, erkennen sie ihre Unterordnung unter den Vorrang der Zwecke der Gegenseite.

    Das wäre mir jetzt erst einmal gut genug für die Tarifforderungen. Vielleicht gehen wir über zu dem Anderen. Ihr seht, Mag argumentiert anders: Die sagt Sätze der Art: Gewerkschaften, wie sie sie sich vorstellte, sollten… ich sage, Gewerkschaften wie ich sie kenne, tun… Letzteres würdest Du gar nicht bestreiten. Das ist nicht der Punkt der Uneinigkeit. Die Frage ist, ob man die zweite Seite mitmachen soll: Gewerkschaften sollten! Und an der Stelle möchte ich immer ein bisschen auf der Notwendigkeit, dass diese Vereine solche miesen Vereine sind, beharren. Ich möchte an die Notwendigkeiten erinnern,.

    Nehmen wir einmal die beiden möglichen Forderung, die du in den Raum gestellt hast: Du hast die Mindestlohnforderung charakterisiert, der ist so niedrig in Deutschland, dass man davon sowieso nicht leben kann, aber eines leistet er immer: Das Fernhalten von ausländischen Konkurrenten, die dann das deutsche Niveau unterbieten würden. Und das ist letzten Endes die Seite, mit der die Gewerks?chaftsforderungen Gehör findet bei der Regierung. Ja, wenn man schon polnische Arbeiter formell rein lassen muss, weil das in der EU ausgemacht war, dann sollen sie sich nicht billiger anbieten können als Deutsche und Deutsche arbeitslos machen und Polen bekommen die Posten. Das versteht die Regierung. Und da sagst du jetzt: Gewerkschaften sollten nicht nationalistisch sein, sollten nicht Forderungen stellen, die andere ausschließen. Jetzt sage ich etwas dagegen:

    Gewerkschaften als Gewerkschaften stehen per se in der Konkurrenz um Arbeitsplätze. Und jede Gewerkschaft, die sich äußert, hat immer die Seite des closed shop mit an sich, nicht, dass sie jetzt wirklich closed shop Politk machen würden, wie das in England und Amerika ausdrücklich der Fall ist, wo es heißt: wir vertreten unsere Mitglieder und unserer Leistung für unsere Mitglieder besteht darin, dass wir nichtorganisierte Bewerber aus dem Betrieb heraushalten. Aber die andere Seite, Gewerkschaften, Arbeitnehmer stehen nun mal in Konkurrenz um Arbeitsplätze, das ist das Faktum. Und jede Positionierung, die es gibt, ist eine Positionierung in dieser Konkurrenz, und die hat immer einerseits den Charakter der Ausschließung nach außen und immer die Seite der Verzichts, Solidarität nach innen. Mal ein Beispiel in Deutschland: die GDL und ähnliche Gewerkschaften wie diese, (die GDL ist die Gewerkschaft Deutscher Lokführe), ist die Gewerkschaft, die sich mehr zutraut als verdi oder EVG. Die Lokführer trauen sich mehr zu, Sie sagen, wir fordern für die Lokführer, sie haben einfach die Überzeugung, sie wären unverzichtbarer als die anderen, sie bräuchte es, damit die Züge fahren und die anderen wären nur Begleitpersonal. Ob das stimmt, sei dahingestellt. Jedenfalls, die Solidarität von Verdi oder Transnet, die machen eine Lohnverhandlung für alle Beschäftigten des Sektors, halten die Lokführer für eine Forderung auf Verzicht auf Benutzung ihrer Erwerbsquelle, denn sie könnten viel mehr herausholen als das Verdi oder Transnet tun und wollen. Nach der Seite hast du: Gewerkschaften konkurrieren und es konkurrieren Berufsgruppen, mit der Meinung (ob die stimmt oder nicht ist dann schon egal), sie könnten mehr Durchsetzungsfähigkeit aufbringen, sie wären in einer härteren Weise gebraucht als andere. Und dieses Verhältnis der Ausschließung und inneren Einebnung, Solidarität nach innen, was da immer Verzicht heißt, ihr seid die besseren Berufsgruppen, verzichtet zu Gunsten der schlechteren! Und deswegen die Tendenz, es gründen sich Gewerkschaften aus, die sagen, wir können mehr herausholen, wir tun es auch. Dieses Verhältnis ist dem Standpunkt aus der Erwerbsquelle Lohnarbeit etwas zu machen, eigen! Ohne das geht es gar nicht!

    Anders ausgedrückt: (da sind wir uns dann sicherlich schnell wieder einig) Nur im Willen, den ganzen Laden zu stürzen, könnte man einen positiven gemeinsamen Willen haben! Ansonsten sind die Arbeitnehmer untereinander immer auch Konkurrenten. Und die Forderung, dass deine Konkurrenzinteressen fallen und sie sie hinter die Solidarität zurücksetzen, verlangt von den konkurrierenden Arbeitnehmern immer, die eine Seite ihres Interesses gegen die andere aufzugeben. Beide Seiten sind Teil des Arbeiterinteresses: Ich habe doch wohl das Interesse in meiner Arbeit, die völlig zu nutzen, und das andere ist: Bloß meine Arbeit zu nutzen führt dazu, dass der Preis meiner Arbeit immer weiter sinkt. Ich muss gewerkschaftlich organisiert sein. Aber die gewerkschaftliche Organisation ist dann zugleich ein Verzicht auf die Nutzung meiner Erwerbsquelle, so wie ich sie nutzen könnte. Und in dem Widerspruch stehen gewerkschaftliche Aktivitäten objektiv. Und nicht bloß, weil sie konkurrenzlerischdenken und nicht solidarisch denken. Das hängt nicht am Denken! Der Widerspruch ist objektiver, als bloß schlechte Meinungen!

    Ich möchte noch eine Klarstellung machen, weil ich da offensichtlich ganz missverstanden worden bin: Ich habe davon geredet, dass Gewerkschaften an und für sich Konkurrenzinteressen von Arbeiter organisieren und darauf gedeutet, dass das auch Ausschließungsseiten hat und dass dafür das die GDL Beispiel genannt. Ich habe überhaupt nicht gesagt, ich kritisiere die GDL, weil sie nicht solidarisch ist, ganz im Gegenteil, wenn schon, dann gefällt es einem doch immer besser, wenn eine kämpferisch ist.

    Noch einmal die Sache mit der Notwendigkeit: Was ich vertreten will, wird nicht so verstanden, wie ich es verstanden haben will. Wenn man es so resümiert, du beschreibst den Ist-Zustand, aber wir wollen doch darüber hinaus. Es ist nicht so, dass ich den Istzustand beschreiben will, wenn ich da mit Notwendigkeit komme, dann will ich immer schon damit so etwas sagen wie: Es liegt immer schon in der Natur dieses Interesses, daß seine Vertretung solche trostlosen Folgen mit sich bringt. Das ist praktisch schon eine Empfehlung in die Richtung, was könnte man, was sollte man anders machen. Die steckt da schon drin.

    Es ist trivial, es braucht die Kritik des Kapitalismus, und den Willen ihn zu stürzen, dann – das war dein kurzer Einwand vorhin – dann kann die Arbeiterschaft alles durchsetzen. Aber die Gewerkschaften im Kapitalismus, so wie sie existieren, die fürchten sich doch vor ihrer eigenen Macht! Manchmal kennen sie es auch unmittelbar, wenn sie die Basis mal wieder zu besonderem Unwillen Aufstacheln, dann haben sie regelmäßig das Problem, dass man die dann eben auch immer wieder eintüten muss bei der nächsten Gelegenheit.

    Die Arbeiterschaft kann alles lahmlegen, sie kann alles durchsetzen, aber sie muss sehen, was das für Konsequenzen hat. Dann wächst das Kapital wirklich nicht mehr, dann ist die Konkurrenzfähigkeit des deutschen Kapitals wirklich schlechter als die des britischen oder des amerikanischen, oder japanischen oder sonst was. Dann gibt es wirklich keine Arbeitsplätze mehr oder weniger, und das muss man sehenden Auges wollen, dann lebt man nicht mehr in der Hemmung, dass man doch kaputt macht, was man melken will. Wer das sehenden Auges will, der kann auch jetzt und hier in dieser Gesellschaft die Verhältnisse für die Arbeiter verbessern und weiß, dass er das Wachstum des Kapitals, von dem die Arbeitsplätze der abhängen, kaputt macht.

    Aber zu diesem Bewusstsein meine ich, mag niemand vorgehen, soweit ist niemand, auch nicht die Radikalen, und da finde ich auch die Formulierung von dir einschlägig, „wir müssen uns an den Grenzen des möglichen Reiben“. Fast möchte ich sagen, das ist eine Formulierung die selber noch an dem Widerspruch laboriert: Willst Du die Grenzen des Möglichen kaputt machen, dann weißt auch du, dann kriegst auch du die Arbeitnehmer, die den Standpunkt haben, ich muss doch aber meine Erwerbsquelle verteidigen, dann kommt die antikommunistische Seite des Lohnarbeiters zum Zug. Sie halten die radikalen Gewerkschafter, oder die, die radikal um Verbesserungen kämpfen, für ihre Feinde, weil sie kaputt machen, wovon sie, die anderen, leben wollen. Die italienischen Gewerkschaften erleben das jetzt, die Kämpfe um die Fiat Fabriken, wo die so totale Unterwerfungspapiere vor gesetzt bekommen, und wo die eine Gewerkschaft immer nein sagt, die gerät dadurch in die totale Minderheit, weil in dem Land auch die Auffassung durchgesetzt ist, dass es darauf ankommt dass die Erwerbsquelle der Arbeiter funktioniert und d.h. immer zuerst, dass es Arbeit gibt..

    In dem Sinne will ich sagen, das ist nicht der Ist-Zustand, das ist die Notwendigkeit. Das verweist darauf, was es braucht, damit man diese Notwendigkeiten sprengt. Und das ist nicht zu haben mit Formulierungen wie: Könnten wir nicht auch andere Organisationen haben, solidarischere Organisationen haben, Organisationen, in denen echt diskutiert werden kann? Diese Formeln leisten das alles nicht, weil sie sich diesem Punkt einfach nicht stellen. Vergessen wir nicht die Notwendigkeit, dass diese Erscheinungsweise der Vertretung von Arbeiterinteressen an diesem Interesse liegt. Wir brauchen Argumente und Überzeugungen in der Arbeiterschaft, die keine Lust mehr auf ihre Erwerbsquelle haben. Die müssen ihre Freiheit nicht mehr haben wollen! Das halte ich für die Front, an der der Kampf stattzufinden hat. Und das ist nicht zu haben mit: Es muß solidarischer werden oder ähnliches. Halb sagst du es, Mag, wenn du sagst, wir müssen über die Grenzen der bürgerlichen Gesellschaft, wir müssen über die Grenzen des Kapitalismus und der Lohnarbeit hinaus denken, Lohnarbeit ist nicht alternativlos, dass sagst du ja ungefähr auch.

    Sich der Härte dieser Einsicht stellen verlangt, dass man dann auch den Widerspruch zum Gewerkschaftlichen bemerkt, und nicht meint, das wäre das Gewerkschaftliche, nur besser gemacht. Das ist die Schwierigkeit. Es ist ein Kampf mit der Arbeiterschaft um die Ablehnung ihrer Erwerbsquelle! Und da war dein Argument von vorhin schon richtig, natürlich will die keiner im Sinn von das ist das Schönste von der Welt. Jeder weiß, dass eine Fabrik erben schöner wäre als in ihr zu arbeiten. Das ist aber nun einmal ihr Mittel, und, es ist ein erzwungenes Interesse, aber man muss Ernst nehmen, dass es dann tatsächlich ihr Interesse ist, dass sie, die Arbeitnehmer verfolgen mithilfe der Gewerkschaft und, nicht zu vergessen, außerhalb der Gewerkschaft durch ihre Bereitschaft zu arbeiten. Das wäre noch ein Block, der bisher noch gar nicht gesprochen worden ist, du hast es mehrfach hereingebracht, das Verhältnis Basis und Funktionärs-Abteilung, wie die sich verhalten und was da nicht einfach quasi Eigeninteresse und Fahrrad von Seiten der Funktionäre ist, sondern was da Notwendigkeit ist, da könnte man auch noch etwas zu sagen. Mir reicht das aber jetzt erst einmal. Ich wollte das verteidigen, dass ich das mit der Notwendigkeit nicht verstanden haben will als wenn das bloß eine Beschreibung des Istzustandes und nicht man nicht verstanden haben will, schon gleich nicht, dass das eine Notwendigkeit wäre, der man sich beugen müsste. Sondern das wäre die Verzagtheit dieser Gesellschaft, das die Menschen in ihr, die ihr Opfer sind, wirklich ein Interesse an ihr haben. Und dass sie dieses Interesse ablehnen müssen. Dazu ist Kapitalismuskritik und die Kritik dessen, wie es geht, nötig, aber dann ist der Ton die Gewerkschaften machen das mögliche gute nicht, was sie machen könnten, der ist dann verkehrt.“

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