Privilegien, die x-te

Nachdem das Bettelverbot aufgehoben wurde, strengen sich nun Politiker verschiedener Parteien an, es wieder einzuführen. Die Begründungen reichen von „aggressivem Betteln“ bis hin zu „da werden Kinder missbraucht“. Dass es dabei nur darum geht, die lästigen Symptome der Armut zu bekämpfen, ist nicht schwer herauszufinden, schließlich plädieren die entsprechenden Politiker nicht für eine umfassende Versorgung aller mit einem ordentlichen Obdach, Essen, etc. Aber auch die Gegner des Bettelverbots fallen nicht gerade durch Kritik der kapitalistischen Armut, die die Menschen erst in diese Lage bringt, auf, sondern begnügen sich in der Regel damit zu beklagen, dass den Menschen damit das Recht auf Meinungsfreiheit bestritten werde – und das Recht, im Kapitalismus ums Überleben zu kämpfen. Und großzügig und liberal wie man nun mal ist, will man einem das Geschenk, im Bestehenden ums Überleben strampeln zu müssen, nun wirklich nicht absprechen.

Man sieht, eine elende Debatte. Aber es geht noch elender. Man kann nämlich den Umstand, dass es viele Menschen gibt, die sich am Betteln stören, zu einem Kampf für den Erhalt von Privilegien umdichten:

„Aggressives Betteln“: „Oh Hilfe! Mir wird ja die Ungerechtigkeit der Welt + meine ungerechtfertigte Privilegierung darin klar! Weg damit!“

Nur ums klarzumachen: Das ist keine Kritik am Fehler von vielen Lohnabhängigen, der darin resultiert gegen Bettelnde zu hetzen. (Eine Kritik an KapitalistInnen ist es, btw, auch nicht.)

Die Kritik ginge nämlich so: Als lohnabhängiges Würstel führst du dein Leben als abhängige Variable des Kapitals: Ob du einen Job hast und welchen, hängt z.B. nicht von dir ab. Daher ist man einen, wenn man einen hat – und den hat man eben nur, wenn es sich für die Gegenseite rentiert, man also ordentlich unbezahlte Mehrarbeit abliefert -, auch mal schneller los, als man denkt: Vielleicht gibt es billigere und willigere Lohnabhängige (mit denen du nur wegen des Kapitalismus in Konkurrenz stehst), vielleicht warst du auch so eifrig, dass sich das Unternehmen neue Maschinen leisten kann – und dich nimmer braucht. Vielleicht ist die Rendite in einer anderen Branche attraktiver – und das Unternehmen zieht das Kapital aus der, in der du beschäftigt bist, ab. Oder das Unternehmen verlagert in ein anderes Land, weil sich die ProletInnen dort noch besser erpressen lassen. Usw.
Was man da als Bettelnde vor sich hat, sind nicht GegnerInnen, die einem schaden, sondern die proletarischen Brüder und Schwestern, über die das Kapital das Urteil, das jederzeit über einen selber gefällt werden kann, schon gefällt hat: dass man für seinen Zweck, die Vermehrung von Geld, nichts taugt. Man hetzt, wenn man gegen Bettelnde hetzt, in Wahrheit gegen seinesgleichen. Und übermorgen steht man vielleicht selber an der Ecke oder geht Pfandflaschen sammeln. Wenn das mal kein Grund ist, gemeinsam gegen die kapitalistische Armut anzustinken …

Davon will aber jemand, der meint, Leute, die sich über Bettelnde aufregen, würden unterschiedlos Privilegien verteidigen (bzw. sich darüber aufregen, dass beim Betteln ihre Privilegierung „klar werde“), nichts wissen. Da stellt man nur fest: Es gibt extrem arme Menschen – und alle, die nicht so arm sind, sind privilegiert, angefangen mit der Oma mit Mindestrente. Das ist reines Gerechtigkeitsgefasel, das sich überhaupt nicht für die Ursachen interessiert – weder für die des Bettelns, noch für die des Rests; da ist man dann auch zufrieden, wenn alle betteln müssen – denn dann ist das ungerechte Privileg ja aus der Welt; und mehr noch: die Behauptung, zwischen Bettelnden und in Lohn stehenden ProletInnen bestehe ein Gegensatz, wird bestätigt. (Das ist, kein Zufall, die Behauptung, die auch die Bettelverbot-ForderInnen aufstellen.)
Da muss man sich dann aber schon fragen: Wieso sollten die in Lohn stehenden ProletInnen dann bei der Hetze gegen BettlerInnen nicht mehr mitmachen – wo sie doch offensichtlich was davon haben, nämlich ihr Privileg? Dazu fällt jemandem, der von Privilegien redet, nicht viel ein. Eben: „Weg damit!“ Dieser hetzerische Ruf scheint einem dann doch: sehr verständlich. Aber halt auch so ungerecht.

Man darf auf jeden Fall auf die nächste Runde moralisches Mitmachen des divide-et-impera gespannt sein – im Namen der Gerechtigkeit ist alles zu erwarten.

3 comments

  1. quasiabsolut

    Einen Punkt verstehe ich nicht:
    „Die Kritik ginge nämlich so: Als lohnabhängiges Würstel führst du dein Leben als abhängige Variable des Kapitals: Ob du einen Job hast und welchen, hängt z.B. nicht von dir ab.“

    OB ich einen Job habe, hängt natürlich nicht von mir ab, aber WELCHEN Job ich mache, kann ich mir in einem bestimmten Rahmen doch aussuchen.
    Ich kann natürlich nicht alles machen, was der Arbeitsmarkt so bietet, aber es gibt immer mehrere Optionen und ich kann mich, wenn ich will, für die in meinen Augen kleinste Scheiße entscheiden.

    • proletin

      Ne. Ich wäre auch gerne vieles, bzw. lieber als das, was mir so blüht. Aber das nützt mir halt nix. Du bist eben schon drauf verwiesen, was für Arbeitsplätze das Kapital überhaupt schafft – und zwar nach seinen Kalkulationen. Deshalb gibts auch die schöne Dequalifizierung beim Arbeitsamt zB: Ne zeitlang darfst versuchen, in nem bestimmten Bereich unterzukommen, aber wenn sich über nen bestimmten Zeitraum zeigt, dass das nix wird – weil das Kapital eben keinen Bedarf anmeldet -, dann ist Schluss mit lustig.

      Dein „in einem bestimmten Rahmen“ setzt halt schon ne Wahl voraus. Und ich möchte da eben einwenden: Das Kapital bestimmt, ob es diesen Rahmnen – zB als: es gibt zwei verschiedene Arbeitsplätze und ich kann mich auf beide bewerben – überhaupt gibt. Die „Optionen“, die du wahrnimmst, werden eben vom Kapital geschaffen: auch da also nur Abhängigkeit.

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