Was taugt für Deutschland?

Wenn es um die Singularität der Shoah geht, fällt immer wieder ein Argument – und um das soll es hier gehen, nicht um die Singularität. Das schiebe ich voran, damit sich die Empörung um die folgenden Zeilen im Rahmen hält. Anmerken möchte ich aber schon, dass es sich mir die Sinnhaftigkeit des Singularitätsargument nicht wirklich erschließt: Kein bisschen weniger kritikabel wäre die Shoah, mangelte es an dieser Singularität. Und auch wenn sich NS-Fans oder auch „nur“ um das Ansehen der Nation bekümmerte demokratische NationalistInnen an die Vergleicherei machen, scheint mir das Gegenargument „Singularität“ beschränkt in der Wirkkraft: Damit ist eigentlich nur gesagt, man solle einschlägige Äußerungen unterlassen; der dieser Äußerung zugrunde liegende Nationalismus aber bleibt unangetastet.

Wie auch immer: Hier geht es jetzt um ein spezifisches Argument, es ist nur eines unter mehreren (und es soll nicht um alle gehen). Das Argument: Für die Singularität spräche, dass die brutale Vernichtung der JüdInnen dem „rationalen Selbsterhaltungstrieb der Täter“ widerspräche (siehe hier Punkt 5). Gemeint ist damit, dass es wohl ordentlich unvernünftig gewesen sei, Ressourcen von den Kriegsfronten abzuziehen, um diese für den Massenmord an den JüdInnen zu nutzen.

An diesem Argument fällt mehreres auf:

1.) Der Antisemitismus der Nazis wird verharmlost, indem so getan wird, als ergäbe sich aus diesem nicht logischerweise genau dieses mörderische Verhalten. Es wird damit durchgestrichen, dass Nazis „die Juden“ als SoldatInnen einer feindlichen Macht herbeidefinierten: die Vernichtungslager waren für die Nazis eine Kriegsfront, und zwar die wichtigste überhaupt. Von den anderen Fronten Ressourcen abzuziehen, diente den Nazis daher dem Kampf für die „Selbsterhaltung“. Man kann das natürlich durchstreichen und die logische Konsequenz des (nazistischen) Antisemitismus ins Reich des Unbegreiflichen abschieben (damit entfällt natürlich auch die Kritik, denn außer „unbegreiflich“ zu stöhnen, ist dann kaum mehr was leistbar – praktisch, nicht wahr?). Um dann im nächsten Schritt alles mögliche andere als begreiflich darzustellen:

2.) Das Argument der Irrationalität impliziert nämlich, dass die Konzentration zB auf die Ostfront dem „rationalen Selbsterhaltungstrieb der Täter“ gedient hätte. Was will man damit sagen, und um wessen Selbsterhaltung handelt es sich dabei? Um die der Soldaten, die da an den Fronten verheizt wurden, wohl kaum. – Es geht um die Selbsterhaltung der Nation, und dass die ganz prinzipiell eine gute Sache ist, soll festgehalten sein: Auf Grundlage dieses nationalistischen Urteils wird den Nazis vorgeworfen, gar nicht wirklich auf die nationale Selbsterhaltung geachtet zu haben. Für NationalistInnen freilich ein Vergehen. Ja, die Vernichtung der europäischen JüdInnen war für die Nation kein geeignetes Mittel, aber der konzentrierte Endkampf an der Ostfront wäre es schon gewesen, oder wie? So schrumpft die Kritik zusammen auf die Blamage am eigenen nationalistischen Erfolgsmaßstab: Krieg verloren, weil auf das falsche Mittel gesetzt – ganz schlecht für die Nation! Da müssen aufrechte NationalistInnen natürlich das Verständnis versagen.

3.) Damit ist des Weiteren impliziert, dass das, was da im NS sonst so stattfand, durchaus als Selbsterhaltungskampf der Nation anerkannt ist. ZB der Angriff auf die Sowjetunion, in den die nationalistischen NS-KritikerInnen die Ressourcen gesteckt hätten. So entlarvt sich die KritikerInnen-Riege nicht nur als Denkfabrik für nachträgliche Kriegsstrategien für NS-Deutschland; nein, man gibt auch zu erkennen, dass – bis auf diese eine, die keinen ersichtlichen Beitrag zur „Selbsterhaltung“ Deutschlands leistete – jede Schlächterei im Namen der Nation als notwendig anzusehen sei: die findet man dann nachvollziehbar & verständlich. Das beginnt mit dem Angriff auf die SU (womit übrigens durchgestrichen ist, dass auch der in hohem Maße antisemitisch motiviert war, Stichwort „jüdischer Bolschewismus“) und inkludiert dann noch jede Blutspur und jeden Leichenberg, den Nationen bei ihrem Kampf für „Selbsterhaltung“, der zufälligerweise immer einen Angriff auf andere inkludiert, produzieren. Alles „rational“ – für NationalistInnen.

Um noch mal auf die Singularität zu kommen: Es gibt verschiedene Argumente für diese. Das, das hier Thema ist, ist kritikabel: Wer es vorbringt, legt zuallererst den eigenen Nationalismus offen und bringt ihn sodann als Maßstab, an dem der NS zu messen sei, in Anschlag. Und tut damit kund, dass er etwas zentrales mit dem gemeinen Nazi teilt: die Sorge um die Nation, auf deren Basis die Frage nach dem geeigneten Mittel für den nationalen Selbsterhaltungskampf erst Sinn macht.
Es verwundert daher nicht, dass das Argument auch direkter als „Hitler hat Deutschland in den Abgrund geführt“ auftaucht: Es wurden eben nicht die geeigneten Maßnahmen zur „Selbsterhaltung“ gesetzt. Spätestens hier sollte es einem in die Augen springen, dass es längst nicht mehr um die aus antisemitischen Motiven massenhaft ermordeten Menschen geht, sondern einzig und alleine um die Frage: Was taugt für Deutschland?

3 comments

  1. susanna14

    Ich stimme dir im großen und ganzen zu. Es gibt übrigens auch Menschen, die noch weiter gehen in ihrer Haltung „gut ist, was für Deutschland gut ist“: Sie meinen, Hitler sei gar nicht so schlecht gewesen, nur der Überfall auf die SU sei falsch gewesen.

    Ironischerweise habe ich das „Argument“ von der Sinnlosigkeit und Nutzlosigkeit der Morde, insbesondere der Transportzüge, die sich nachteilig auf den Krieg im Osten auswirkten, zum ersten Mal bei Hannah Arendt gelesen (im Aufsatz „die vollendete Sinnlosigkeit“ aus dem Jahr 1950). Ich vermute, sie versuchte zu verstehen, warum die Morde an Juden sie fassungsloser zurückließen als andere Verbrechen in der Geschichte der Menschheit, so dass sie vom „radikalen Bösen“ sprach. Wenn man freundlich ist, könnte man ihr Argument so zusammenfassen, dass sie vor dem Realitätsverlust der Täter erschrickt.

    Natürlich bleibt auch hier einzuwenden, dass Verbrechen, die aus eigennützigen Motiven und nicht im Rahmen einer Ideologie, die jeglichen Bezug zur Realität verloren hat, begangen werden, genau so Verbrechen sind. Insbesondere für die Opfer macht es keinen Unterschied. (Oder vielleicht doch? Täter, die eigennützige Ziele verfolgen, sind berechenbarer.)

    Wenn man etwas bösartig ist, könnte man auch vermuten, dass Arendt vor allem deswegen fassungslos ist, weil sie selbst betroffen ist.

    Eine andere Vermutung ist die, die ich bei Christoph Spehr gelesen habe: Man hatte nicht geglaubt, dass weiße Menschen (Kulturnation!) anderen weißen Menschen so etwas antun können.

    Was die Singularitätsdiskussion als solche anbelangt: Ich glaube, ich habe vor einiger Zeit einmal ein paar Bemerkungen darüber gelesen, wie man intelligent über die Frage diskutieren kann, inwiefern der Holocaust einzigartig gewesen sei und inwiefern er anderen Verbrechen ähnelte. Ich finde die Stelle allerdings nicht wieder.

    Das Problem mit der Singularitätsdiskussion, wie sie hierzulande oft geführt wird, liegt darin, dass sie auf Viertklässlerniveau stattfindet: „Warum hacken alle nur auf uns rum? Andere haben doch auch böse Dinge getan!“ Und nicht nur das Viertklässlerniveau ist erschreckend – warum soll etwas okay sein, nur weil andere ebenfalls ähnliches getan haben? – sondern eben auch die Identifikation mit der Nation einschließlich der Verbrecher.

  2. bernd

    Außerdem ist es auch ein rassistisches Argument, denn der Subtext scheint mir oft zu sein, dass es dumm war, Juden umzubringen, weil sie besonders klug und daher kriegswichtig waren (die Bombe!). Den Massenmord an weniger wertvollen Gruppen kann man dagegen als historische Normalität einordnen.

  3. k.

    hallo, vielen dank für den text. da ich deine texte allgemein immer gerne lese und verständlich finde, kannst du mir vielleicht bzgl. der singaluraitätsdebatte eine leseempfehlung geben? wäre super

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