10 Punkte

1. Ein kommerzielles Unternehmen agiert stets nach dem Motto „Steck Geld rein, damit mehr rauskommt“, was heißt, es wird an Kosten gespart, und da v.a. an Lohnkosten. So auch nicht anders bei lustigen Festivals. Unter dem Kommando des Unternehmens stehend müssen die Angestellten so viel Leistung als möglich für so wenig Lohn als möglich erbringen.

2. Gefallen lassen sich das die Menschen, die die Arbeit verrichten, weil sie erpressbar sind: ihnen fehlt die Möglichkeit, (gemeinsam mit anderen) selbst was zu produzieren – die Produktionsmittel (oder die dafür nötige Geldmasse) befinden sich im Eigentum weniger anderer. Die Mehrheit der Menschen ist arm. Gleichzeitig werden in einer Gesellschaft, in der der Staat das Recht auf Privateigentum durchsetzt, alle für ein bekömmliches Leben notwendigen Güter nur produziert, weil man als Produktionsmitteleigner dafür anderen Menschen Geld abnehmen kann. Die armen Menschen müssen an Geld kommen, um es durch ihren Einkauf in den Kassen anderer klingeln zu lassen – nur so kann man hier und heute überleben. Wegen Hunger kriegt niemand ein Brötchen – außer in den Nischen, wo versucht wird, die ärgsten Wirkungen des Privatrechtssystems durch Almosentum etwas abzumildern: Tafeln etc.; das aber sind gerade Abweichungen des Systems, die nur dadurch nötig sind, dass im Privatrechtssystem alles nur für Geld zu haben ist.
Menschen, die sich nicht selber versorgen können, weil sie durch das Privatrechtssystem verarmt sind, müssen also an Geld kommen, damit es in den Kassen anderer klingelt: und dafür brauchen sie einen Job. Ob es überhaupt einen Job gibt und wie der sich gestaltet, bestimmen die, die nach dem Motto agieren „Geld reinstecken, damit mehr rauskommt“. Dass ich einen brauch, ist hier und heute genau gar kein Argument für einen Job – auch wenn Jobcenter / AMS es, wenn sie Lohnarbeitslose drangsalieren, gerne so darstellen, als könnten Lohnabhängige Jobs schaffen, wenn sie doch nur wirklich wollen würden.
Bei den Jobs, die die Unternehmen schaffen, gilt: Du musst weniger kosten als du einbringst durch deine Arbeit, und diese Differenz soll so groß als möglich sein (= Gewinn). Die Spekulation auf diese Differenz ist der Grund für die Schaffung von Jobs, durch Despotismus wird versucht, diese Differenz abzusichern, und kommt sie nicht zustande, war’s das auch mit dem Job: es gibt ihn immer nur so – wegen der Ausbeutung.

3. Beim Absichern der Differenz kommt den Unternehmen sehr entgegen, dass fast alle Menschen einen Job brauchen und daher um Jobs konkurrieren: sie werden von den Unternehmen gegeneinander ausgespielt. Das heißt insbesondere, dass Unternehmen jede erdenkliche „Schwäche“ (Anführungszeichen, weil alles fortan Geschilderte nur in der heutigen Gesellschaft eine solche ist) von Menschen ausnutzen. Dass jemand ab und an krank ist, ist in dieser Gesellschaft kein Argument für eine bessere Behandlung, sondern im Gegenteil Anlass zur schlechteren Behandlung: weniger Bezahlung, Druck, Kündigung, Armut.

4. Hinzu kommen „Schwächen“, die man noch gar nicht hat: Ausgehend von der Rechnung „So viel Leistung als möglich für so wenig Geld als möglich“, was inkludiert, dass man idealerweise 24/7 zur Verfügung zu stehen hat (am besten auf Abruf, siehe LeiharbeiterIn) und jede Überstunde mitmachen, wird Frauen zur Last gelegt, dass sie vielleicht mal schwanger werden könnten. Die Möglichkeit, dass eine Frau für wenige Monate nicht durchgehend und in sonst bekannter Manier ausgebeutet werden könnte, wird erpresserisch gegen sie in Anschlag gebracht: schlechtere Jobs, weniger Aufstiegsmöglichkeiten – ein niedrigerer Durchschnittslohn.

5. Das Sahnehäubchen setzen Unternehmen dann auf, wenn sie das von ihnen (!) hergestellte Resultat – niedrigerer Durchschnittslohn – gleich noch einmal zur Erpressung verwenden: Schön ideologisch gewendet meinen sie, dass der geringere Durchschnittslohn doch den Verdacht nahelege, dass es mit der Tauglichkeit von Frauen (für was eigentlich? Sie reicher machen!) nicht so weit her sei. So wird die von ihnen hergestellte Lohnungleichheit zum Argument für noch mehr Lohnungleichheit. Die schlechteren Jobs zum Argument für noch schlechtere Jobs. Etc.

6. Und wenn man schon dabei ist … : Der niedrigere Durchschnittslohn wird zum Argument dafür, dass sich Frauen um die im Kapitalismus privat zu erledigende Reproduktionsarbeit kümmern: weniger Lohnausfall für die Reproduktionsgemeinschaft. Das wird von den Unternehmen auch wieder als Argument gegen Frauen gewendet: erstens besteht die Möglichkeit (!), dass sie mal nicht können, zweitens lässt sich schön ideologisch auch der Verdacht äußern, ob Frauen von „Natur“ aus nicht eh woanders hingehören. Wieder Erpressung mit etwas, was sie erst hergestellt haben.

7. Letzteres, insbesondere die ideologische Wendung, ist auch vielen Menschen mit dem sog. „Migrationshintergrund“ bekannt, ebenso vielen Menschen, deren Hautfarbe von der der Mehrheitsgesellschaft abweicht: Unternehmen nutzen den gesellschaftlichen Rassismus als Erpressungshebel. Die dadurch hergestellte schlechtere Position im Berufsleben wird dann sogleich zum Argument für noch schlechtere Bedingungen und Bezahlung hergenommen.
Hinzu kommt bei Menschen, die immigriert sind, die besondere Erpressbarkeit, die dadurch zustande kommt, dass nach herrschendem Recht ein Aufenthalt idR nur dann gestattet wird, wenn man einen Job hat (also jemanden im Land reicher macht). Fällt dieser weg, kommt das Abschiebekommando –erpressbarer geht kaum.
Die daraus resultierende besonders miese Lage (schlechte Jobs, schlechter Lohn) dient dann wieder als „Beweis“ dafür, wieso „die da“ untauglich sind (für was? Unternehmen reicher machen!) – und schon kann man noch weiter drücken …

8. Viele Lohnabhängige machen den Fehler, daraus, dass sie zwar schlecht (ohne Ausbeutung geht, wie gesagt, gar nichts) behandelt werden, aber andere schlechter behandelt werden, abzuleiten, dass sie doch besser seien als die, die noch schlechter behandelt werden.
Am Beispiel Sexismus lässt sich erkennen, dass Ausgangspunkt der ganzen Misere das Anspruchsdenken der Unternehmen ist: 24/7 sollen Angestellte zur Ausbeutung zur Verfügung stehen, und Männern wird das eher zugetraut. Will man wirklich aus sowas seinen Stolz beziehen – dass andere denken, man sei besonders tauglich dafür, ausgepresst zu werden? Auch ist nur zu offensichtlich, dass die noch schlechtere Position anderer dazu genutzt wird, andere unter Druck zu setzen: schließlich sind die in noch schlechterer Position besonders verzweifelt und daher willig, noch viel mehr ausgepresst zu werden. Alleine von daher ist die oftmals anzutreffende Freude vieler Männer über den Gender Pay Gap absurd – dass es anderen noch schlechter geht, wird doch gegen sie gewendet. Besonders absurd ist es immer dann, wenn Männer, die selber proletarisch dahinkrebsen, stolz auf echte Macher verweisen, etwa darauf, dass die Forbes-Liste männlich dominiert ist: als wären das nicht gerade die Figuren, die auch sie ausbeuten, nur so kommen die doch auf die Liste! Was hat man als Prolet denn davon, dass v.a. Männer die Ausbeutungszentralen bevölkern? Nichts, außer einem falschen Stolz – und dem ebenso falschen Urteil, dann sei man in dieser Gesellschaft doch richtig aufgehoben. Diese Argumente gelten analog für Rassismus.
Und auch wenn manchmal gehört wird, dass lohnabhängige Angehörige der Mehrheitsgesellschaft von Rassismus profitieren, stimmt’s nicht. Man nehme das Beispiel, dass Weiße oft bessere Wohnungen kriegen. Nicht bestritten sein soll, dass das einen extremen Unterschied beim Zurechtkommen hier und heute macht. Aber Profit ist es keiner: denn auch für die bessere Wohnung muss man zahlen, muss jmd anderen reicher machen, indem man selber ärmer wird. Man ist immer noch mies dran, und das wird nicht besser, wenn andere noch mieser dran sind. Um das zu erkennen, braucht man aber eine Kritik daran, dass man Bedürfnisse immer nur dann befriedigen kann, wenn man durch Bezahlung andere reicher macht. Man erkennt dann die Gemeinsamkeit mit zB migrantischen Lohnabhängigen oder lohnabhängigen Frauen. Sie sind dann, wenn man aufgrund der Erkenntnis, dass man in diesem System geschädigt wird, Verbündete, mit denen man gemeinsam für eine Gesellschaft kämpft, in der niemand mehr erpresst werden kann, um daraus Profit zu schlagen. Und dann werden für alle tolle Wohnungen gebaut, damit man sich nicht mehr drum streiten muss und fix ist, dass man gut wohnt. Wozu sonst sollte in einer vernünftigen Gesellschaft auch Wohnraum dienen, wenn nicht zum guten Wohnen?

9. Rassismus und Sexismus der Mehrheitsgesellschaft sind Hindernisse, wenn es darum geht, die elenden Verhältnisse abzuschaffen. Darin, dass es falsch ist, Menschen verächtlich zu handeln oder ihnen gegenüber Gewalt anzuwenden, weil sie ein „falsches Geschlecht“, eine andere Hautfarbe als zB ich oder Migrantionserfahrung haben, hoffe ich auf Einigkeit (hier lesen ja Linke). Doch was sagen zu Menschen, die meinen, das sei OK? Was schon weiter oben steht: Die eigene Schädigung wird nicht ungeschehen gemacht, auf der Ebene des Ideologischen wird das System zum eigenen gemacht – und mit dem Begrüßen der Resultate des erpresserischen Handelns der Unternehmen (noch miesere Lage von Frauen, MigrantInnen, POC) begrüßt man die Grundlage, die die eigene Schädigung hervorbringt. Man beklatscht also die eigene miese Lage, wenn man die noch miesere anderer beklatscht. Die Menschen, mit denen man gemeinsam das Elend beseitigen könnte, behandelt man verächtlich und begegnet ihnen im Extremfall mit Gewalt bis hin zum Massenmord: das ist nicht nur menschlich echt megamies, sondern auch selbstschädigend. White trash, lass es endlich bleiben!

10. Ohne eine Umwälzung der Verhältnisse – die Abschaffung des Privatrechtssystems – wird’s nicht gehen: Voluntarismus, korrektes Verhalten werden nicht zur Beseitigung der Grundlage der skizzierten Misere führen. Denn, wie dargelegt, werden die Lohnabhängigen gegeneinander ausgespielt. Wer kann es sich schon leisten, nach einer erfolgreichen Bewerbung einen Job nicht zu annehmen, weil es einem Leid tut, dass ihn andere auch brauchen? Wer kann denn auf die bessere Wohnung verzichten? Systembedingt konkurrieren die Lohnabhängigen leider miteinander: sie werden von oben in Konkurrenz gesetzt, und korrektes Verhalten ist nicht selten eine Frage der Größe des Geldbeutels. Und der Geldbeutel Lohnabhängiger ist recht klein und leert sich jeden Monat wieder.
Innerhalb des Systems sind die Möglichkeiten zur Veränderung ausgesprochen beschränkt: man kann Wohninitiativen oder Kooperativen gründen. Aber diese sind, wegen der beschränkten Möglichkeiten, oft in wenig schönem Zustand und es ist daher keine Überraschung, dass viele normal Miete zahlen, statt in einem mäßig instandgehaltenen besetzten Haus zu wohnen. De facto ist das meist nur für jene Menschen eine wirkliche Alternative, die freiwillig oder unfreiwillig sog. „Aussteiger“ sind. Und auch Kooperativen bieten außer – wenn’s denn passt mit den Leuten – weniger internem Gehacke oft nicht mehr; das Diktat des Marktes macht auch diese Initiativen nicht wirklich gemütlich.

PS: Nur zur Klarstellung am Schluss: Dass man aus dem Konkurrieren, etwa um Wohnraum und Jobs, nicht durch korrektes Verhalten rauskommt, ist ganz was anderes, als einen Partyraum verwüstet zu hinterlassen.

Kritik willkommen.

Leave a Reply