Proletin

Woran mangelt es nicht-religiösen Schulkindern?

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„Gott erlegt uns keine Prüfungen auf, ohne uns zugleich die Kraft zu geben, sie zu ertragen.“ 

Andere Religion, der gleiche Gedanke etwas deutlicher ausformuliert:

„Wenn Allah dich wahrhaftig liebt, dann wird er dich prüfen. Nur durch Prüfungen sieht Allah, wer wirklich standhaft in seiner Religion ist und sich geduldig ergibt und wer es nicht tut. Wisse, nur die Geliebten Allahs werden geprüft. Wenn du ein belangloses Leben ohne Prüfung, Schmerzen und Härten führst, so musst du an dir zweifeln und deinen Glauben überdenken.“

Die reale Welt, die einzige, von der wir sicher wissen, dass wir sie haben: In jeglicher Hinsicht, von Reichtum über Armut, ein großes Prüfungswerk eines imaginierten wahren Herrschers, der darüber misst, wie sehr man das Leben in der imaginierten Welt („Paradies“) verdient hat. Und je härter die Prüfung, umso größer die Liebe des imaginierten Herrschers: Er traut einem eben noch mehr zu, als anderen; bei den glänzenden Aussichten auf paradiesische Zustände kriegt man angesichts von Verarmung, Ausbeutung und Obdachlosigkeit glatt freudig glänzende Augerl. Man ist als total verarmte und ausgebeutete Sau für den wahren Herrn eben was ganz besonderes. Nur brav untertänig geduldig sein, alles unwidersprochen ertragen, dann wird alles gut. Nach dem Ableben nämlich.

Manch einer mag sich schon gefragt haben, wieso Staaten rund um die Welt auch im 21. Jahrhundert noch Religionen unterstützen. Das ist die Antwort. Man weiß es eben schon zu schätzen, wenn die Zustände, die man herbeiregiert (Menschenwerk), als (Prüfungs-)Werk Gottes legitimiert werden. Dann ist nämlich sich fügen und prüfen lassen angesagt.

So, und nur so, kommt man zur Definition nicht-religiöser Schulkinder als Mängelwesen, denen es an notwendiger geistiger Orientierung fehle, nämlich an der, noch jeden Zustand im Hier und Jetzt als zu akzeptierend zu bejahen.  Dahinter schlummert ein Generalverdacht, und der besagt nicht weniger, als dass im Nachwuchs der Agnostiker und Atheisten der Geist des Aufstands schlummere. Was natürlich eine ordentliche Über- bzw. Fehleinschätzung ist.
Aber so, und nur so, kommt man auf die Idee, einen Pflichtgegenstand Ethik einzuführen – nur für die Kinder, die keinen Religionsunterricht besuchen. So wie aktuell in Österreich die Koalitionsverhandler von Schwarz-Blau. Die kleinen Atheisten und Agnostiker müssen daher in Zukunft einer weltlichen Version der Mär von der Prüfung Gottes ausgesetzt werden.

Was übrigens auch heißt: Es wird bald noch viel mehr geben, was man sich als Prüfung schönzureden hat.

PS:

Es saß mit breitem Hinterteil
Der Dicke auf dem Dünnen
Und sprach zu ihm: Jetzt können wir
Demokratisch zu reden beginnen.
Du weißt, ich hasse die Despotie
So, wie die Aufruhrgewalten:
Es möge jeder seinen Platz
An der Sonne in Frieden erhalten.
Drum bin ich dagegen, daß wir uns entzwei‘n,
ich hasse Kanonen und Lunten.
Wir wollen gut pazifistisch sein,
Ich oben und Du unten!
Im Jenseits tauschen wir dann den Platz,
Dort will ich Dich gerne tragen –
So sind die Lasten gleich verteilt,
Du kannst Dich nicht beklagen.
Einstweilen jedoch ist der status quo
Die wichtigste Ordnungsstütze:
Drum bleib‘ ich mit meinem Prachtpopo
Auf angestammtem Sitze.

Franz Carl Weiskopf: Demokratie

 

Written by proletin

Dezember 2nd, 2017 at 9:17 am

Posted in Allgemein

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