Archive for the ‘Allgemein’ Category

Open borders

Sonntag, Juli 24th, 2016

Ein Twitterkommunist meinte:

open borders Politik macht auch alle ärmer … erklär das mal den linksliberalen Keks

Diese Aussage ist aus mehreren Gründen falsch.

  1. „Alle“ werden ärmer? Das möchte ich mal sehen! Behauptet der Knilch aber selber nicht im Fortgang, denn da ist dann von der Konkurrenz am Arbeitsmarkt die Rede. Immerhin: das falsche „alle“ wird so zurückgenommen.
  2. Was heißt Konkurrenz am Arbeitsmarkt? Menschen, die nichts ihr Eigen nennen außer ihrer Arbeitskraft, also der Möglichkeit zur Reproduktion beraubt sind, müssen Menschen finden, die ihnen ihre Arbeitskraft abkaufen. Diese machen das freilich nicht aus Menschenliebe, sondern weil es sich für sie rentiert: unbezahlte Mehrarbeit als Quelle des Gewinns. So bescheiden die proletarische Revenuequelle.
  3. Lohnarbeit ist somit das Mittel der Kapitalisten zur Einsaugung von Mehrarbeit und damit der Schaden der Proleten. Die Gegnerschaft bekommen auch Proleten, die keine Kritik am Kapitalismus haben, tagtäglich ganz praktisch zu spüren: Für Kapitalisten ist der Lohn ein notwendig zu leistender Vorschuss – nur so kommen sie an Proleten, die sie reicher machen sollen und deren Arbeitskraft sie dann kommandieren können -, gleichzeitig aber ein Abzug vom angestrebten Gewinn und damit stets knapp zu halten und zu senken: durch Steigerung der Arbeitszeit bei gleichbleibendem oder sinkenden Lohn sowie durch Einsatz von Maschinerie zur Freisetzung von Proleten bei gleichzeitiger Intensivierung der Arbeit für die verblieben Proleten.
  4. Das Elend der heutigen Arbeiterklasse ist, dass sie nicht erkennt, dass da sein gegnerisches Interesse mit aller Brutalität gegen sie durchsetzt wird und dementsprechend mit der notwendigen Gegenwehr beginnt, sondern man sich stattdessen dem kapitalistischen „Schicksal“ untertänigst fügt oder – noch schlimmer – Lohnarbeit sehr oft sogar als einzigartige Chance missversteht. Aller schönen Beschäftigungsideologie zum Trotz gestaltet sich das Proletenleben aus genanntem Grund nicht allzu schön – und die Proleten meinen leider nur allzu gut zu wissen, woran das liegt: nämlich an Ihresgleichen im Allgemeinen und an Proleten ausländischer Herkunft im Besonderen. Nicht die Kapitalisten, die aus ihnen Mehrarbeit rauspressen, seien der Gegner, sondern die anderen Proleten seien an ihrer Misere schuld.
  5. Man fragt sich schon, wie das gehen soll: Dass die Behauptung falsch ist, könnte man alleine daran merken, dass es die Kapitalisten sind, die Löhne zahlen & senken und Proleten im Zuge der Produktivitätssteigerung zum Zwecke der Senkung der Lohnkosten pro Warenstück auf die Straße setzen. Proleten verfügen überhaupt nicht über die Möglichkeit, andere Proleten zu verarmen: „Mit der ausschließlichen Verfügung über die Produktionsmittel und damit über die Produkte erhält der Reichtum die Gewalt, anderen die Existenz zu bestreiten.“ Es sind also die Kapitalisten, die mit dem zynischen Hinweis auf die von ihnen verarmten und überflüssig gemachten Proleten die Proleten immer weiter verarmen.
  6. Wer andere Proleten als Gegner in den Blick nimmt, streicht damit die eigentliche Ursache des Proletenelends durch. Weder der Prolet Otto, noch die Proleten Ali oder Ülkü sind die Ursache der proletarischen Armut – sie sind im Gegenteil selber Opfer der Erpressungsmacht der Kapitalisten! Wer propagiert, dass der Zuzug ausländischer Proleten die Ursache für wachsende Armut sei, der bewegt sich im nationalistischen Sumpf zwischen Sozialdemokratie und AfD und erklärt seinesgleichen zu Gegnern statt sich mit ihnen zu verbünden, um die gegnerische Erpressungsmacht aus der Welt zu schaffen. Denn auch bei Zuzug ist die Ursache des Elends die Erpressung der Kapitalisten: die Schar an Überflüssigen verdankt ihre Existenz nur dem Privateigentum an Produktionsmitteln, ganz egal, woher die Proleten stammen! Dass Kapitalisten dann perfide auf die von ihnen produzierten Arbeitslosen verweisen, wenn es ums weitere Lohndrücken geht, streicht das nicht im geringsten durch – man ist ganz schön blöd, wenn man dieser Lüge der Kapitalisten aufsitzt!
  7. Die Wahrheit über die kritisierte Aussage ist somit auch, dass der, der sie tätigt, gar keine Kritik an Lohnarbeit an sich hat, sondern sich nur darum sorgt, seine Revenuequelle Arbeitskraft nicht „ordentlich“ bedienen zu können. Was der Fehler daran ist, sollte längst geklärt sein: Die Bedienung der proletarischen Revenuequelle ist immer und notwendigerweise die Schädigung des Proleten, denn einen Arbeitsplatz gibt es nur, wenn es sich für die Gegenseite rentiert, also bei andauernder Verarmung des Proleten (Differenz zw. Leistung und Lohn) sowie der Verkürzung seiner Lebenszeit dank ausgiebiger Verheizung im Zuge der Ausbeutung!
  8. Im Übrigen bedarf es für das perfide Kapitalistenmanöver keines Zuzugs, denn über die Produktion des relativen Mehrwerts werden andauernd Überflüssige produziert!

PS: Die Krönung des Ganzen ist ja, dass in der kritisierten Aussage drinsteckt, dass die Politik des bürgerlichen Staates etwas sei, wovon man sich als Prolet Schutz vor noch mehr Armut versprechen könne – wenn es denn nur eine cloded border Politik sei. Also gerade die Instanz, die mittels Gewaltmonopol das Privateigentum an Produktionsmitteln durchsetzt und damit die Kapitalisten erst mit ihrer Erpressungsmacht ausstattet!

10 Punkte

Freitag, Juni 12th, 2015

1. Ein kommerzielles Unternehmen agiert stets nach dem Motto „Steck Geld rein, damit mehr rauskommt“, was heißt, es wird an Kosten gespart, und da v.a. an Lohnkosten. So auch nicht anders bei lustigen Festivals. Unter dem Kommando des Unternehmens stehend müssen die Angestellten so viel Leistung als möglich für so wenig Lohn als möglich erbringen.

2. Gefallen lassen sich das die Menschen, die die Arbeit verrichten, weil sie erpressbar sind: ihnen fehlt die Möglichkeit, (gemeinsam mit anderen) selbst was zu produzieren – die Produktionsmittel (oder die dafür nötige Geldmasse) befinden sich im Eigentum weniger anderer. Die Mehrheit der Menschen ist arm. Gleichzeitig werden in einer Gesellschaft, in der der Staat das Recht auf Privateigentum durchsetzt, alle für ein bekömmliches Leben notwendigen Güter nur produziert, weil man als Produktionsmitteleigner dafür anderen Menschen Geld abnehmen kann. Die armen Menschen müssen an Geld kommen, um es durch ihren Einkauf in den Kassen anderer klingeln zu lassen – nur so kann man hier und heute überleben. Wegen Hunger kriegt niemand ein Brötchen – außer in den Nischen, wo versucht wird, die ärgsten Wirkungen des Privatrechtssystems durch Almosentum etwas abzumildern: Tafeln etc.; das aber sind gerade Abweichungen des Systems, die nur dadurch nötig sind, dass im Privatrechtssystem alles nur für Geld zu haben ist.
Menschen, die sich nicht selber versorgen können, weil sie durch das Privatrechtssystem verarmt sind, müssen also an Geld kommen, damit es in den Kassen anderer klingelt: und dafür brauchen sie einen Job. Ob es überhaupt einen Job gibt und wie der sich gestaltet, bestimmen die, die nach dem Motto agieren „Geld reinstecken, damit mehr rauskommt“. Dass ich einen brauch, ist hier und heute genau gar kein Argument für einen Job – auch wenn Jobcenter / AMS es, wenn sie Lohnarbeitslose drangsalieren, gerne so darstellen, als könnten Lohnabhängige Jobs schaffen, wenn sie doch nur wirklich wollen würden.
Bei den Jobs, die die Unternehmen schaffen, gilt: Du musst weniger kosten als du einbringst durch deine Arbeit, und diese Differenz soll so groß als möglich sein (= Gewinn). Die Spekulation auf diese Differenz ist der Grund für die Schaffung von Jobs, durch Despotismus wird versucht, diese Differenz abzusichern, und kommt sie nicht zustande, war’s das auch mit dem Job: es gibt ihn immer nur so – wegen der Ausbeutung.

3. Beim Absichern der Differenz kommt den Unternehmen sehr entgegen, dass fast alle Menschen einen Job brauchen und daher um Jobs konkurrieren: sie werden von den Unternehmen gegeneinander ausgespielt. Das heißt insbesondere, dass Unternehmen jede erdenkliche „Schwäche“ (Anführungszeichen, weil alles fortan Geschilderte nur in der heutigen Gesellschaft eine solche ist) von Menschen ausnutzen. Dass jemand ab und an krank ist, ist in dieser Gesellschaft kein Argument für eine bessere Behandlung, sondern im Gegenteil Anlass zur schlechteren Behandlung: weniger Bezahlung, Druck, Kündigung, Armut.

4. Hinzu kommen „Schwächen“, die man noch gar nicht hat: Ausgehend von der Rechnung „So viel Leistung als möglich für so wenig Geld als möglich“, was inkludiert, dass man idealerweise 24/7 zur Verfügung zu stehen hat (am besten auf Abruf, siehe LeiharbeiterIn) und jede Überstunde mitmachen, wird Frauen zur Last gelegt, dass sie vielleicht mal schwanger werden könnten. Die Möglichkeit, dass eine Frau für wenige Monate nicht durchgehend und in sonst bekannter Manier ausgebeutet werden könnte, wird erpresserisch gegen sie in Anschlag gebracht: schlechtere Jobs, weniger Aufstiegsmöglichkeiten – ein niedrigerer Durchschnittslohn.

5. Das Sahnehäubchen setzen Unternehmen dann auf, wenn sie das von ihnen (!) hergestellte Resultat – niedrigerer Durchschnittslohn – gleich noch einmal zur Erpressung verwenden: Schön ideologisch gewendet meinen sie, dass der geringere Durchschnittslohn doch den Verdacht nahelege, dass es mit der Tauglichkeit von Frauen (für was eigentlich? Sie reicher machen!) nicht so weit her sei. So wird die von ihnen hergestellte Lohnungleichheit zum Argument für noch mehr Lohnungleichheit. Die schlechteren Jobs zum Argument für noch schlechtere Jobs. Etc.

6. Und wenn man schon dabei ist … : Der niedrigere Durchschnittslohn wird zum Argument dafür, dass sich Frauen um die im Kapitalismus privat zu erledigende Reproduktionsarbeit kümmern: weniger Lohnausfall für die Reproduktionsgemeinschaft. Das wird von den Unternehmen auch wieder als Argument gegen Frauen gewendet: erstens besteht die Möglichkeit (!), dass sie mal nicht können, zweitens lässt sich schön ideologisch auch der Verdacht äußern, ob Frauen von „Natur“ aus nicht eh woanders hingehören. Wieder Erpressung mit etwas, was sie erst hergestellt haben.

7. Letzteres, insbesondere die ideologische Wendung, ist auch vielen Menschen mit dem sog. „Migrationshintergrund“ bekannt, ebenso vielen Menschen, deren Hautfarbe von der der Mehrheitsgesellschaft abweicht: Unternehmen nutzen den gesellschaftlichen Rassismus als Erpressungshebel. Die dadurch hergestellte schlechtere Position im Berufsleben wird dann sogleich zum Argument für noch schlechtere Bedingungen und Bezahlung hergenommen.
Hinzu kommt bei Menschen, die immigriert sind, die besondere Erpressbarkeit, die dadurch zustande kommt, dass nach herrschendem Recht ein Aufenthalt idR nur dann gestattet wird, wenn man einen Job hat (also jemanden im Land reicher macht). Fällt dieser weg, kommt das Abschiebekommando –erpressbarer geht kaum.
Die daraus resultierende besonders miese Lage (schlechte Jobs, schlechter Lohn) dient dann wieder als „Beweis“ dafür, wieso „die da“ untauglich sind (für was? Unternehmen reicher machen!) – und schon kann man noch weiter drücken …

8. Viele Lohnabhängige machen den Fehler, daraus, dass sie zwar schlecht (ohne Ausbeutung geht, wie gesagt, gar nichts) behandelt werden, aber andere schlechter behandelt werden, abzuleiten, dass sie doch besser seien als die, die noch schlechter behandelt werden.
Am Beispiel Sexismus lässt sich erkennen, dass Ausgangspunkt der ganzen Misere das Anspruchsdenken der Unternehmen ist: 24/7 sollen Angestellte zur Ausbeutung zur Verfügung stehen, und Männern wird das eher zugetraut. Will man wirklich aus sowas seinen Stolz beziehen – dass andere denken, man sei besonders tauglich dafür, ausgepresst zu werden? Auch ist nur zu offensichtlich, dass die noch schlechtere Position anderer dazu genutzt wird, andere unter Druck zu setzen: schließlich sind die in noch schlechterer Position besonders verzweifelt und daher willig, noch viel mehr ausgepresst zu werden. Alleine von daher ist die oftmals anzutreffende Freude vieler Männer über den Gender Pay Gap absurd – dass es anderen noch schlechter geht, wird doch gegen sie gewendet. Besonders absurd ist es immer dann, wenn Männer, die selber proletarisch dahinkrebsen, stolz auf echte Macher verweisen, etwa darauf, dass die Forbes-Liste männlich dominiert ist: als wären das nicht gerade die Figuren, die auch sie ausbeuten, nur so kommen die doch auf die Liste! Was hat man als Prolet denn davon, dass v.a. Männer die Ausbeutungszentralen bevölkern? Nichts, außer einem falschen Stolz – und dem ebenso falschen Urteil, dann sei man in dieser Gesellschaft doch richtig aufgehoben. Diese Argumente gelten analog für Rassismus.
Und auch wenn manchmal gehört wird, dass lohnabhängige Angehörige der Mehrheitsgesellschaft von Rassismus profitieren, stimmt’s nicht. Man nehme das Beispiel, dass Weiße oft bessere Wohnungen kriegen. Nicht bestritten sein soll, dass das einen extremen Unterschied beim Zurechtkommen hier und heute macht. Aber Profit ist es keiner: denn auch für die bessere Wohnung muss man zahlen, muss jmd anderen reicher machen, indem man selber ärmer wird. Man ist immer noch mies dran, und das wird nicht besser, wenn andere noch mieser dran sind. Um das zu erkennen, braucht man aber eine Kritik daran, dass man Bedürfnisse immer nur dann befriedigen kann, wenn man durch Bezahlung andere reicher macht. Man erkennt dann die Gemeinsamkeit mit zB migrantischen Lohnabhängigen oder lohnabhängigen Frauen. Sie sind dann, wenn man aufgrund der Erkenntnis, dass man in diesem System geschädigt wird, Verbündete, mit denen man gemeinsam für eine Gesellschaft kämpft, in der niemand mehr erpresst werden kann, um daraus Profit zu schlagen. Und dann werden für alle tolle Wohnungen gebaut, damit man sich nicht mehr drum streiten muss und fix ist, dass man gut wohnt. Wozu sonst sollte in einer vernünftigen Gesellschaft auch Wohnraum dienen, wenn nicht zum guten Wohnen?

9. Rassismus und Sexismus der Mehrheitsgesellschaft sind Hindernisse, wenn es darum geht, die elenden Verhältnisse abzuschaffen. Darin, dass es falsch ist, Menschen verächtlich zu handeln oder ihnen gegenüber Gewalt anzuwenden, weil sie ein „falsches Geschlecht“, eine andere Hautfarbe als zB ich oder Migrantionserfahrung haben, hoffe ich auf Einigkeit (hier lesen ja Linke). Doch was sagen zu Menschen, die meinen, das sei OK? Was schon weiter oben steht: Die eigene Schädigung wird nicht ungeschehen gemacht, auf der Ebene des Ideologischen wird das System zum eigenen gemacht – und mit dem Begrüßen der Resultate des erpresserischen Handelns der Unternehmen (noch miesere Lage von Frauen, MigrantInnen, POC) begrüßt man die Grundlage, die die eigene Schädigung hervorbringt. Man beklatscht also die eigene miese Lage, wenn man die noch miesere anderer beklatscht. Die Menschen, mit denen man gemeinsam das Elend beseitigen könnte, behandelt man verächtlich und begegnet ihnen im Extremfall mit Gewalt bis hin zum Massenmord: das ist nicht nur menschlich echt megamies, sondern auch selbstschädigend. White trash, lass es endlich bleiben!

10. Ohne eine Umwälzung der Verhältnisse – die Abschaffung des Privatrechtssystems – wird’s nicht gehen: Voluntarismus, korrektes Verhalten werden nicht zur Beseitigung der Grundlage der skizzierten Misere führen. Denn, wie dargelegt, werden die Lohnabhängigen gegeneinander ausgespielt. Wer kann es sich schon leisten, nach einer erfolgreichen Bewerbung einen Job nicht zu annehmen, weil es einem Leid tut, dass ihn andere auch brauchen? Wer kann denn auf die bessere Wohnung verzichten? Systembedingt konkurrieren die Lohnabhängigen leider miteinander: sie werden von oben in Konkurrenz gesetzt, und korrektes Verhalten ist nicht selten eine Frage der Größe des Geldbeutels. Und der Geldbeutel Lohnabhängiger ist recht klein und leert sich jeden Monat wieder.
Innerhalb des Systems sind die Möglichkeiten zur Veränderung ausgesprochen beschränkt: man kann Wohninitiativen oder Kooperativen gründen. Aber diese sind, wegen der beschränkten Möglichkeiten, oft in wenig schönem Zustand und es ist daher keine Überraschung, dass viele normal Miete zahlen, statt in einem mäßig instandgehaltenen besetzten Haus zu wohnen. De facto ist das meist nur für jene Menschen eine wirkliche Alternative, die freiwillig oder unfreiwillig sog. „Aussteiger“ sind. Und auch Kooperativen bieten außer – wenn’s denn passt mit den Leuten – weniger internem Gehacke oft nicht mehr; das Diktat des Marktes macht auch diese Initiativen nicht wirklich gemütlich.

PS: Nur zur Klarstellung am Schluss: Dass man aus dem Konkurrieren, etwa um Wohnraum und Jobs, nicht durch korrektes Verhalten rauskommt, ist ganz was anderes, als einen Partyraum verwüstet zu hinterlassen.

Kritik willkommen.

„Den Kapitalismus selbst greift die alternative Art, sich mit ihm zu arrangieren, in keiner Weise an.“

Montag, November 10th, 2014

Eine antikapitalistische Praxis bescheinigst du Leuten, die sich – ohne Einkommen und ohne Geld – aus den Abfallcontainern der Supermärkte ernähren, andere Freiräume nutzen und ansonsten mit Nachbarschaftshilfe über die Runden kommen. Schön, sie leben alternativ; aber was hat das mit Antikapitalismus zu tun?

Wer damit ernst macht, geht manchen Zwängen des Geldverdienens und der Karriere aus dem Weg und handelt sich dafür andere, gemessen am durchschnittlichen Lebensstandard des 21. Jahrhunderts, radikale Entbehrungen und Nöte ein. Immerhin ist, was so jemand freiwillig als alternatives Leben wählt, noch ein bisschen härter als das Elend, das der Kapitalismus anderen Leuten gegen ihren Willen und gegen alle ihre Bemühungen, Geld zu verdienen, aufzwingt, wenn die als unbrauchbar und überflüssig für das Wirtschaftswachstum aussortiert und in Hartz IV verstaut sind. Aber bitte, jeder kommt halt auf seine Weise mit den kapitalistischen Lebensbedingungen zurecht und wird nach seiner Façon selig. Auch für diesen Lebensstil ist Platz im Kapitalismus; Bohemiens und Clochards – so nannte man früher Vertreter dieses Lebensstils – gibt es so lange wie den Kapitalismus.

Den Kapitalismus selbst greift die alternative Art, sich mit ihm zu arrangieren, in keiner Weise an. Er beruht auf der durch die Staatsgewalt gestützten Macht des Privateigentums, die Menschheit zum Dienst an der steten Vergrößerung dieser Macht, d.h. am Kapitalwachstum, zu zwingen, wenn sie Geld in die Finger und Zugang zu den käuflichen Lebensmitteln bekommen will. Diese Macht anerkennt dein alternativer Lebensstil und respektiert sie, wenn er den Dienst vermeidet und dafür auf Zugang zum Warenangebot verzichtet.

Was du „täglichen Klassenkampf“ nennst, wendet sich polemisch nicht gegen das polit-ökonomische Herrschaftssystem, sondern gegen die üblichen Versuche, damit zurechtzukommen: Dem Rest der Menschheit wirfst du Anpassung und Mitmachertum vor, und hältst es für angebracht, ihnen vorzuleben, dass man mitten im Kapitalismus ungestört von dessen Zwängen sein Leben frei, „selbstkritisch und reflektiert gestalten und selbst organisieren“ kann. Aber frag dich mal ernsthaft, wer eigentlich meint, dass er das nicht schon tut. Auf nichts sind die Menschen im Kapitalismus so stolz wie darauf, dass sie – wie du und deine Freunde – aus den oft widrigen Umständen das Beste machen und dass sie den Verhältnissen ein selbstbestimmtes, irgendwie gelingendes Leben abzuringen verstehen. Sie interessieren sich nicht für das Ausbeutungssystem, dem sie unterworfen sind, weil sie sich um den Kapitalismus nie anders kümmern als so, dass sie ihn in Chancen und Hindernisse für ihre Selbstverwirklichung einteilen und die Chancen zu nutzen und die Hindernisse zu überwinden versuchen. Eine reflektierte Gestaltung des eigenen Lebens kommt dabei immer heraus; es braucht dazu ja auch nichts als die billige Einbildung, man habe sich selbst herausgesucht, wohin es einen im kapitalistischen Dschungel verschlägt. In der Überzeugung, im Leben nicht den Imperativen des Kapitals Folge zu leisten, sondern einen ganz selbst gewählten Lebensstil nach eigenem Gusto zu pflegen und „selbstkritisch und reflektiert ihr Leben zu gestalten und selbst zu organisieren“, stehen die normalen Menschen, deren angepasste Sittlichkeit du ungebührlich findest, deinen nonkonformistischen Freunden, die im Sich-Einrichten im marktwirtschaftlichen Elend das „richtige Leben im falschen“ gefunden haben, in nichts nach.

Auszug aus: Linksradikale Wahlsorgen: Verrät man durch ein Wahlkreuz
seine herrschaftskritischen Überzeugungen?

Skandalös: Antifa hindert Demokraten wieder an antifaschistischem Protest!

Sonntag, Mai 18th, 2014

Gestrige Gewaltorgie bestätigt: Kein einziger Nazi könnte in Österreich bestehen, würde die brutale Antifa nicht seit mehreren Jahrzehnten den antifaschistischen Protest der demokratisch gesinnten Bevölkerung verhindern!

Nachdem die gewalttätige Antifa seit Jahrzehnten jeden antifaschistischen Protest gegen Nazis im Keim erstickt, hat sich das demokratisch gesinnte Österreich 2014 vorgenommen, sich das nicht länger gefallen zu lassen. Im Vorfeld der Demonstration der Identitären hatten sich wichtige Vertreter und Vertreterinnen der Zivilgesellschaft und aller Parteien zuversichtlich gezeigt, endlich dem demokratischen Antifaschismus Ausdruck verleihen zu können.

Doch die Brutalität der Antifa übertraf gestern jede Vorstellung. Die Polizeisprecherin National Emanzipiert dazu: „Wir dachten, wir wären auf alles vorbereitet. Doch mit dem, was gestern vorfiel, hatten wir wirklich nicht gerechnet“.

Augenzeugen berichten von einer regelrechten Gewaltorgie, in deren Zuge 1,7 Millionen Demokraten und Demokratinnen daran gehindert wurden, an der antifaschistischen Manifestation unter dem Titel „Die Nazis haben unsre Nation nur in den Abgrund getrieben. Demokratie bekommt ihr besser!“ teilzunehmen.

Hansi Ö. berichtet sichtlich erschüttert: „Wir wollten mit unserem Transparent mit der Aufschrift ‚Gegen KZs! Für Frontex!‘ auf die Straße treten. Doch wir wurden von einer Horde schwangerer Antifaschistinnen unter Prügeln ins Haus zurückgedrängt. Diese Linken haben wirklich keine Hemmungen!“

Laut Polizeibericht sind die Wiener Krankenhäuser derzeit massiv überlastet, Antifa-Opfer mussten zum Teil zur Versorgung in die Bundesländer ausgeflogen werden.

Erste Stellungnahmen aus den Parlamentsparteien liegen bereits vor. Einhellig wird die Meinung vertreten, dass der Antifa nun endlich entschieden entgegengetreten werden muss. „Seit Jahrzehnten besuddelt die Antifa Österreich, indem sie jeden Protest gegen Nazis verhindert. Im Ausland denkt man schon, Österreich sei rechts. Das ist ausgesprochen problematisch“, so der Parlamentspräsident.

Gleichzeitig erheben Vertreter und Vertreterinnen der FPÖ Vorwürfe gegen die Polizei: „Wie kann es sein, dass es der Polizei im Jahre 2014 immer noch nicht gelingt, breiten antifaschistischen Protest zu ermöglichen? Wir sind der Meinung, dass das Konsequenzen haben muss! Hier zeigt sich auch, dass das Sparen bei der Sicherheit der falsche Weg ist. Wir haben schon im Vorfeld darauf hingewiesen, dass knapp 1000 Polizisten nicht ausreichen, um der antifaschistischen Bedrohung Herr zu werden“.

Währenddessen haben empörte Bürgerinnen und Bürger eine Online-Petition gestartet, die sich gegen die Gewalt der Antifa richtet. Unter dem Titel „Pro border, pro nation, no nazis, no antifa!“ werden Unterschriften gesammelt. Das Ziel ist, ein Verbot der Antifa zu erreichen.

Was taugt für Deutschland?

Dienstag, Januar 28th, 2014

Wenn es um die Singularität der Shoah geht, fällt immer wieder ein Argument – und um das soll es hier gehen, nicht um die Singularität. Das schiebe ich voran, damit sich die Empörung um die folgenden Zeilen im Rahmen hält. Anmerken möchte ich aber schon, dass es sich mir die Sinnhaftigkeit des Singularitätsargument nicht wirklich erschließt: Kein bisschen weniger kritikabel wäre die Shoah, mangelte es an dieser Singularität. Und auch wenn sich NS-Fans oder auch „nur“ um das Ansehen der Nation bekümmerte demokratische NationalistInnen an die Vergleicherei machen, scheint mir das Gegenargument „Singularität“ beschränkt in der Wirkkraft: Damit ist eigentlich nur gesagt, man solle einschlägige Äußerungen unterlassen; der dieser Äußerung zugrunde liegende Nationalismus aber bleibt unangetastet.

Wie auch immer: Hier geht es jetzt um ein spezifisches Argument, es ist nur eines unter mehreren (und es soll nicht um alle gehen). Das Argument: Für die Singularität spräche, dass die brutale Vernichtung der JüdInnen dem „rationalen Selbsterhaltungstrieb der Täter“ widerspräche (siehe hier Punkt 5). Gemeint ist damit, dass es wohl ordentlich unvernünftig gewesen sei, Ressourcen von den Kriegsfronten abzuziehen, um diese für den Massenmord an den JüdInnen zu nutzen.

An diesem Argument fällt mehreres auf:

1.) Der Antisemitismus der Nazis wird verharmlost, indem so getan wird, als ergäbe sich aus diesem nicht logischerweise genau dieses mörderische Verhalten. Es wird damit durchgestrichen, dass Nazis „die Juden“ als SoldatInnen einer feindlichen Macht herbeidefinierten: die Vernichtungslager waren für die Nazis eine Kriegsfront, und zwar die wichtigste überhaupt. Von den anderen Fronten Ressourcen abzuziehen, diente den Nazis daher dem Kampf für die „Selbsterhaltung“. Man kann das natürlich durchstreichen und die logische Konsequenz des (nazistischen) Antisemitismus ins Reich des Unbegreiflichen abschieben (damit entfällt natürlich auch die Kritik, denn außer „unbegreiflich“ zu stöhnen, ist dann kaum mehr was leistbar – praktisch, nicht wahr?). Um dann im nächsten Schritt alles mögliche andere als begreiflich darzustellen:

2.) Das Argument der Irrationalität impliziert nämlich, dass die Konzentration zB auf die Ostfront dem „rationalen Selbsterhaltungstrieb der Täter“ gedient hätte. Was will man damit sagen, und um wessen Selbsterhaltung handelt es sich dabei? Um die der Soldaten, die da an den Fronten verheizt wurden, wohl kaum. – Es geht um die Selbsterhaltung der Nation, und dass die ganz prinzipiell eine gute Sache ist, soll festgehalten sein: Auf Grundlage dieses nationalistischen Urteils wird den Nazis vorgeworfen, gar nicht wirklich auf die nationale Selbsterhaltung geachtet zu haben. Für NationalistInnen freilich ein Vergehen. Ja, die Vernichtung der europäischen JüdInnen war für die Nation kein geeignetes Mittel, aber der konzentrierte Endkampf an der Ostfront wäre es schon gewesen, oder wie? So schrumpft die Kritik zusammen auf die Blamage am eigenen nationalistischen Erfolgsmaßstab: Krieg verloren, weil auf das falsche Mittel gesetzt – ganz schlecht für die Nation! Da müssen aufrechte NationalistInnen natürlich das Verständnis versagen.

3.) Damit ist des Weiteren impliziert, dass das, was da im NS sonst so stattfand, durchaus als Selbsterhaltungskampf der Nation anerkannt ist. ZB der Angriff auf die Sowjetunion, in den die nationalistischen NS-KritikerInnen die Ressourcen gesteckt hätten. So entlarvt sich die KritikerInnen-Riege nicht nur als Denkfabrik für nachträgliche Kriegsstrategien für NS-Deutschland; nein, man gibt auch zu erkennen, dass – bis auf diese eine, die keinen ersichtlichen Beitrag zur „Selbsterhaltung“ Deutschlands leistete – jede Schlächterei im Namen der Nation als notwendig anzusehen sei: die findet man dann nachvollziehbar & verständlich. Das beginnt mit dem Angriff auf die SU (womit übrigens durchgestrichen ist, dass auch der in hohem Maße antisemitisch motiviert war, Stichwort „jüdischer Bolschewismus“) und inkludiert dann noch jede Blutspur und jeden Leichenberg, den Nationen bei ihrem Kampf für „Selbsterhaltung“, der zufälligerweise immer einen Angriff auf andere inkludiert, produzieren. Alles „rational“ – für NationalistInnen.

Um noch mal auf die Singularität zu kommen: Es gibt verschiedene Argumente für diese. Das, das hier Thema ist, ist kritikabel: Wer es vorbringt, legt zuallererst den eigenen Nationalismus offen und bringt ihn sodann als Maßstab, an dem der NS zu messen sei, in Anschlag. Und tut damit kund, dass er etwas zentrales mit dem gemeinen Nazi teilt: die Sorge um die Nation, auf deren Basis die Frage nach dem geeigneten Mittel für den nationalen Selbsterhaltungskampf erst Sinn macht.
Es verwundert daher nicht, dass das Argument auch direkter als „Hitler hat Deutschland in den Abgrund geführt“ auftaucht: Es wurden eben nicht die geeigneten Maßnahmen zur „Selbsterhaltung“ gesetzt. Spätestens hier sollte es einem in die Augen springen, dass es längst nicht mehr um die aus antisemitischen Motiven massenhaft ermordeten Menschen geht, sondern einzig und alleine um die Frage: Was taugt für Deutschland?

Die Frau im Kapitalismus

Samstag, Januar 4th, 2014

diefrauimkapitalismus

Privilegien, die x-te

Samstag, November 16th, 2013

Nachdem das Bettelverbot aufgehoben wurde, strengen sich nun Politiker verschiedener Parteien an, es wieder einzuführen. Die Begründungen reichen von „aggressivem Betteln“ bis hin zu „da werden Kinder missbraucht“. Dass es dabei nur darum geht, die lästigen Symptome der Armut zu bekämpfen, ist nicht schwer herauszufinden, schließlich plädieren die entsprechenden Politiker nicht für eine umfassende Versorgung aller mit einem ordentlichen Obdach, Essen, etc. Aber auch die Gegner des Bettelverbots fallen nicht gerade durch Kritik der kapitalistischen Armut, die die Menschen erst in diese Lage bringt, auf, sondern begnügen sich in der Regel damit zu beklagen, dass den Menschen damit das Recht auf Meinungsfreiheit bestritten werde – und das Recht, im Kapitalismus ums Überleben zu kämpfen. Und großzügig und liberal wie man nun mal ist, will man einem das Geschenk, im Bestehenden ums Überleben strampeln zu müssen, nun wirklich nicht absprechen.

Man sieht, eine elende Debatte. Aber es geht noch elender. Man kann nämlich den Umstand, dass es viele Menschen gibt, die sich am Betteln stören, zu einem Kampf für den Erhalt von Privilegien umdichten:

„Aggressives Betteln“: „Oh Hilfe! Mir wird ja die Ungerechtigkeit der Welt + meine ungerechtfertigte Privilegierung darin klar! Weg damit!“

Nur ums klarzumachen: Das ist keine Kritik am Fehler von vielen Lohnabhängigen, der darin resultiert gegen Bettelnde zu hetzen. (Eine Kritik an KapitalistInnen ist es, btw, auch nicht.)

Die Kritik ginge nämlich so: Als lohnabhängiges Würstel führst du dein Leben als abhängige Variable des Kapitals: Ob du einen Job hast und welchen, hängt z.B. nicht von dir ab. Daher ist man einen, wenn man einen hat – und den hat man eben nur, wenn es sich für die Gegenseite rentiert, man also ordentlich unbezahlte Mehrarbeit abliefert -, auch mal schneller los, als man denkt: Vielleicht gibt es billigere und willigere Lohnabhängige (mit denen du nur wegen des Kapitalismus in Konkurrenz stehst), vielleicht warst du auch so eifrig, dass sich das Unternehmen neue Maschinen leisten kann – und dich nimmer braucht. Vielleicht ist die Rendite in einer anderen Branche attraktiver – und das Unternehmen zieht das Kapital aus der, in der du beschäftigt bist, ab. Oder das Unternehmen verlagert in ein anderes Land, weil sich die ProletInnen dort noch besser erpressen lassen. Usw.
Was man da als Bettelnde vor sich hat, sind nicht GegnerInnen, die einem schaden, sondern die proletarischen Brüder und Schwestern, über die das Kapital das Urteil, das jederzeit über einen selber gefällt werden kann, schon gefällt hat: dass man für seinen Zweck, die Vermehrung von Geld, nichts taugt. Man hetzt, wenn man gegen Bettelnde hetzt, in Wahrheit gegen seinesgleichen. Und übermorgen steht man vielleicht selber an der Ecke oder geht Pfandflaschen sammeln. Wenn das mal kein Grund ist, gemeinsam gegen die kapitalistische Armut anzustinken …

Davon will aber jemand, der meint, Leute, die sich über Bettelnde aufregen, würden unterschiedlos Privilegien verteidigen (bzw. sich darüber aufregen, dass beim Betteln ihre Privilegierung „klar werde“), nichts wissen. Da stellt man nur fest: Es gibt extrem arme Menschen – und alle, die nicht so arm sind, sind privilegiert, angefangen mit der Oma mit Mindestrente. Das ist reines Gerechtigkeitsgefasel, das sich überhaupt nicht für die Ursachen interessiert – weder für die des Bettelns, noch für die des Rests; da ist man dann auch zufrieden, wenn alle betteln müssen – denn dann ist das ungerechte Privileg ja aus der Welt; und mehr noch: die Behauptung, zwischen Bettelnden und in Lohn stehenden ProletInnen bestehe ein Gegensatz, wird bestätigt. (Das ist, kein Zufall, die Behauptung, die auch die Bettelverbot-ForderInnen aufstellen.)
Da muss man sich dann aber schon fragen: Wieso sollten die in Lohn stehenden ProletInnen dann bei der Hetze gegen BettlerInnen nicht mehr mitmachen – wo sie doch offensichtlich was davon haben, nämlich ihr Privileg? Dazu fällt jemandem, der von Privilegien redet, nicht viel ein. Eben: „Weg damit!“ Dieser hetzerische Ruf scheint einem dann doch: sehr verständlich. Aber halt auch so ungerecht.

Man darf auf jeden Fall auf die nächste Runde moralisches Mitmachen des divide-et-impera gespannt sein – im Namen der Gerechtigkeit ist alles zu erwarten.

„Recht muss Recht bleiben!“

Mittwoch, November 6th, 2013

Wer das vertritt, tut kund, dass sich jedem Gesetz fraglos untergeordnet werden müsse – die Frage nach Sinn und Zweck von Gesetzen, ob sie einen schädigen oder nicht, wird gar nicht erst aufgeworfen. Alleine dass sie vorhanden sind, soll für Gefolgschaft werben. Bekundet wird also zuallererst, ein braver und teuer Untertan sein zu wollen, der noch alles mitmacht – theoretisch. Praktisch ist es so, dass der Ruf „Recht muss Recht bleiben“ sich immer gegen andere wendet. Wenn man selber mit den zahlreichen Gesetzen und Verordnungen in Konflikt kommt – vom Falschparken bis z.B. zum Miete-nicht-mehr-zahlen-können –, will man davon nichts wissen. Muss man auch nicht, denn es existiert ein Gewaltapparat, der Gesetze, die einem nicht passen, gegen einen durchsetzt. Begleitet werden solche Zwangsmaßnahmen von den Rufen der anderen, „Recht muss Recht bleiben“.

Statt sich mal anzuschauen, was mit den Gesetzen und Verordnungen vorliegt, welchen Interessen sie dienen und welche sie schädigen, hetzen die „Recht muss Recht bleiben“-Rufer sich also gegenseitig den Staat auf den Hals. Das ist zuallererst selbstschädigend, wie ein einfaches Beispiel klarmachen sollte: Wenn Lohnabhängige einem ihrer Kollegen, der sich die Miete nicht mehr leisten kann, „Recht muss Recht bleiben“ entgegengrölen und damit seinen Rauswurf fordern, fordern sie auch, dass sie selber weiterhin Miete abzudrücken haben – und, wenn es hart auf hart kommt, auch rausgeschmissen werden sollen. Damit ist nur eines bestätigt: Dass Wohnraum eine Ware ist, mit der man Leute – und damit auch einen selber – erpressen kann (zum Zwecke der Geldvermehrung). Man fördert damit das Interesse der Gegenseite, nämlich des Vermieters, also umgekehrt die eigene Verarmung. Ganz schön dumm.

7 Lehren aus Entlassungen

Montag, November 4th, 2013

Wenn Arbeiter entlassen werden, wenn gar ganze Betriebe geschlossen und Tausende mit Sozialplänen in die Arbeitslosenstatistik oder ins vorgezogene Rentnerdasein befördert werden, dann ist für die Betroffenen und für die fleißig anteil nehmende Öffentlichkeit – Gewerkschaft, Politiker, Unternehmer eingeschlossen – eines immer gleich klar: Da ist nichts zu machen; das ist hart, aber muss sein.

Wir meinen: nein, wenn die vom Kapital Beschäftigten aus Entlassungen die richtigen Lehren ziehen.

LEHRE NR. 1:

Was heißt schon „sicher“ bei einem Arbeitsplatz!

Es stimmt: Wegen nicht mehr lohnender Geschäfte werden Betriebe zugemacht. Was nicht stimmt: dass deswegen lohnende Geschäfte woanders Arbeitsplätze sichern würden. Einmal ganz abgesehen davon, dass ein Arbeitsplatz für denjenigen, der ihn gerade ausfüllt, nie eine Garantie darstellt, daß er ihn auch behält: Er ist durch andere Arbeiter jederzeit ersetzbar. Einmal ganz abgesehen davon, dass Geschäfte gerade mit Rationalisierungen lohnender gemacht werden – mit Maßnahmen also, die immer die Streichung von Arbeitsplätzen und deswegen mitten im schönsten Boom eines Betriebes auch Entlassungen einschließen. Nicht einmal das ist wahr, was den Arbeitern immer erzählt wird: dass dadurch die verbleibenden Arbeitsplätze sicherer würden! Erstens ist es sowieso schon eine Gemeinheit, denn bekanntlich wird die Familie des Gefeuerten nicht dadurch satt, dass andere Arbeiter nicht gefeuert worden sind. Und zweitens gehen die Kapitalisten in den Sprüchen, mit denen sie die Schließung eines Betriebs oder den Aufschwung eines anderen kommentieren, ihre Lüge selbst preis. Im ersteren Falle heißt es: Die Investitionen von gestern sind die Überkapazitäten< von heute. Arbeitern wird der Lohn gestrichen, weil die einstmals rentablen Investitionen sich heute nicht mehr lohnen. Bei den Betrieben, bei denen „der Schornstein raucht“, heißt es: Die Investitionen von heute sind die Gewinne von morgen, und die Gewinne von morgen sichern die Arbeitsplätze.
Ein und dieselben Investitionen sollen also einmal der Grund für gesicherte Arbeitsplätze und das andere Mal der Grund für die Massenentlassung sein. Was denn nun? Die Wahrheit sagen die Herren nie. Die heißt nämlich: Ob eine Investition von heute die Konkursmasse oder die Gewinnmaschinerie von morgen ist, das hängt eben ganz davon ab, wie die Mitkonkurrenten sich ihrerseits mit denselben Maßnahmen durchsetzen. Welchen Betrieb e s trifft, steht heute eben noch nicht festDass jedoch alle zusammen kräftig die nächsten Überkapazitäten ins Werk setzen, das steht jetzt bereits fest. Und darauf sollen Arbeiter bauen?

LEHRE NR. 2:

Arbeitsplätze sind das Erpressungsmittel der Betriebe – und der Wunsch nach einem „sicheren Arbeitsplatz“ ist die Unterwerfung unter diese Erpressung.

Mit der Aussicht auf „sichere Arbeitsplätze“ wird heute in allen Betrieben alles und jedes „begründet“. Seien es Überstunden bei Engpässen oder Sonderschichten bei Umrüstungen, seien es Umsetzungen mit oder ohne Abgruppierungen, seien es Streichungen von Pausen oder Kürzungen von Sozialleistungen…, immer geschieht alles, was Betriebe Arbeitern so zumuten, wegen der „Sicherung der Arbeitsplätze“; eine Lüge und eine Unverschämtheit obendrein: Was wird denn eigentlich versprochen? Wie sieht diese Sorte „Vorteils-Nachteils-Rechnung“ denn in Wahrheit aus?
Die Aussicht, die der Betrieb den Leuten eröffnet, heißt im Klartext: Wenn ihr jetzt die nächsten Angriffe auf euren Lohn und euer Leistungsvermögen schluckt, dann vermeidet ihr eventuell eure Entlassung. Schöne Rechnung: Eine Schädigung soll man akzeptieren, weil als Gegenleistung ein noch größerer Schaden eventuell vermieden werden kann. Und w  o  sind die Vorteile? Nichts ist mit Vorteilen! Den Arbeitern werden immer nur solche Rechnungen aufgemacht: Falls ihr nicht verzichtet, dann kommt es noch dicker!

Die Arbeiter von der AG Weser z.B. oder die von Arbed und andere haben verzichtet. Bei jeder neuen Entlassungswelle haben sie sich den Maßnahmen des Vorstands und Betriebsrats unterworfen – und gehofft, damit würden die anderen Arbeitsplätze wenigstens gerettet. Solange, bis wieder welche gerettet werden müssen oder keine Arbeitsplätze mehr zu retten sind!

LEHRE NR. 3:

Je mehr Vorleistungen der Betrieb den Leuten für die „Sicherung von Arbeitsplätzen“ abpresst, desto maßloser wird der Betrieb, und desto weniger lohnt sich die Arbeit für die Leute.

Für einen Betrieb ist eine gelungene und mit Billigung des Betriebsrats erfolgreich durchgesetzte Rationalisierung mit Sozialplan, Umsetzungen und Abgruppierungen nur ein Signal dafür, dass er freie Hand hat im Umgang mit den Arbeitskräften. Wenn ihm so mitgeteilt wird, dass Arbeiter an ihrer Arbeit kein anderes Interesse geltend machen als das, ihren Arbeitsplatz auf Biegen und Brechen behalten zu wollen, dann wird das kräftig ausgenützt. Der Betrieb sagt doch nicht: „So; jetzt habe ich an meine Bilanz gedacht. Das nächste Mal sind die Arbeiter dran, die können eine Lohnerhöhung und Leistungsminderung ganz gut vertragen!“

Noch jede Massenentlassung wird ergänzt durch ein betriebliches Lohnsenkungsprogramm: Da werden Akkorde gekürzt und Zeiten neu berechnet; da wird gestrichen, was zu streichen geht. Es geht ja! Wegen der „Arbeitsplätze“. Die nächste Lehre lautet also:

LEHRE NR. 4:

Man soll sich nicht um „sichere Arbeitsplätze“, sondern darum kümmern, dass sich die Arbeit für einen selbst lohnt.

Das ist überhaupt die wichtigste Lehre. Das ganze Anliegen, seinen Arbeitsplatz „sichern“ zu wollen, ist falsch! Das führt nur zu einem: dass man eine Arbeit behält oder auch nicht – je nachdem -, die nach allen Regeln der kapitalistischen Kunst vom Betrieb benutzt wird. Das Resultat davon ist auch in florierenden Betrieben zu besichtigen. Wo kommen denn die Arbeiter nach der Arbeit frisch und munter und mit einem ordentlichen Batzen Geld nach Hause? Wo kann denn ein Arbeiter von sich ernsthaft behaupten, seine Arbeit habe sich für ihn aus gezahlt?

Wer sich auf den Erpressungszirkus einlässt, der kommt darin um. Für den Erhalt von Arbeitsplätzen auf all das zu verzichten, weswegen man überhaupt zur Arbeit geht, das ist eine schädliche Dummheit! Was hat man denn, wenn man den Arbeitsplatz „erhalten“ hat: die Aussicht, wegen der „Erhaltung des Arbeitsplatzes“ noch mehr für noch weniger Geld rangenommen zu werden!

Arbeiter und Angestellte können heute beim Blick auf ihren Lohnstreifen feststellen, dass der Lohn von heute das Arbeitslosengeld von gestern ist. Daraus folgt, dass das Arbeitslosengeld von heute der Lohn von morgen ist. Und deswegen gehen die Leute zur Arbeit? Das kann ja wohl nicht sein.

Also:

LEHRE NR. 5:

Nur solange der Betrieb scharf auf ihre Arbeit ist, haben Arbeiter ein Mittel in der Hand, um die Arbeit für sich lohnender zu machen.

Das muss man nicht lange beweisen. In Bremen hat die Werftbelegschaft z.B. die Werft besetzt, als es dort nichts mehr zu besetzen gab. Da bringen ja Hausbesetzungen noch mehr, nämlich zeitweilig ein Dach überm Kopf. Aber eine Werft besetzen, in der ohnehin nicht mehr gearbeitet wird, und dann auch noch peinlichst darauf zu achten, dass ja der letzte Reparaturauftrag auftragsgemäß erledigt wird, das taugt nichts, jedenfalls nicht für die Durchsetzung irgendeines Interesses. Dafür waren die Werftler zu spät dran. Es sei denn, sie hatten das gar nicht vor. Wenn sie ohnehin nur die Ungerechtigkeit, die ihnen widerfahren ist, demonstrativ bejammern wollten, dann war diese „Besetzung“ goldrichtig.

Allerdings muss man sich über eines im klaren sein, und das führt zu

LEHRE NR. 6:

Hilfe darf man von niemandem erwarten, wenn man ernstlich daran gehen will, die Arbeit für sich selbst lohnender zu machen. Das ist eine bittere Lehre. Von den Unternehmern etwas zu erwarten wäre ohnehin dasselbe, wie das Finanzamt mit einem Dukatenesel zu verwechseln.

Die Parteien und die staatlichen Stellen? Denen sind immer die „Hände gebunden“, wenn es darum geht, Leuten ein Einkommen zu erhalten. Beim Abkassieren sind die Hände alles andere als „gebunden“. Geld gibt es dafür, dass die Betriebe ordentliche Geschäfte machen. Aber das hat ja mit lohnender Arbeit für die Arbeiter nichts zu tun – siehe: Lehre Nr. 1.

Die Öffentlichkeit ist immer voll „solidarisch“, wenn es darum geht, die Opferbereitschaft von Leuten zu feiern. Wehe, die wagen es mal, nicht mehr nur Opfer sein zu wollen. Dann ist es aus mit der „Solidarität“.

Wer bleibt? Da war doch noch was? Richtig, die Gewerkschaft! Der ehemalige IG-Metall-Chef Loderer sagte auf dem Gewerkschaftstag zu den Besetzungen: „Das ist nicht mein Stil!“ So kann man auch ausdrücken, dass man als Gewerkschaft jede Gegnerschaft zum Kapital – und sei es auch nur eine solche Werftbesetzung – unterbinden will! Streikgeld gibt es dafür nicht. Andere Hilfe auch nicht. Wenn es nicht die ganze Belegschaft, sondern nur Teile gewesen wären, hätte die IG Metall die „Rädelsführer“ wahrscheinlich aus der Gewerkschaft geschmissen!

Die Gewerkschaft will eben was ganz anderes, als die Arbeiter vor weiterem Schaden zu bewahrern. Die will Beschäftigungspolitik machen! Dafür hat sie seit 3 Jahren Lohnkürzungen tariflich durchgesetzt und kündigt – als „Preis“ (Hans Mayr, neuer IG-Metall-Chef) für die Arbeitszeitverkürzung – für die nächsten Jahre die Fortsetzung dieser Lohnverzichtspolitik an. Alles nach dem Motto: „Jahrelang haben wir klargestellt: Lohnverzicht schafft keine Arbeitsplätze. Jetzt werden wir zeigen, daß beides auch mit Arbeitszeitverkürzung zu haben ist!“ Eine harte Wahrheit. Aber eben eine Wahrheit. Die Gewerkschaft hilft keinem Arbeiter, keiner Belegschaft, die auf die Idee kommt, mal für sich was rausholen zu wollen; sie bekämpft solche Anliegen. Grund genug, der Gewerkschaft diese Sorte Interessenvertretung gründlich zu vermasseln. Folglich heißt

LEHRE Nr. 7:

Wenn die Arbeiter den Spieß umdrehen und aus der Arbeit für sich was rausholen wollen, dann müssen sie aufhören,

  • den Arbeitsplatz für das höchste Gut des Arbeiters zu halten;
  • „Solidaritäts“appelle mit Unterstützung zu verwechseln;
  • ihre Gewerkschaft als Einrichtung zu behandeln, „ohne die es noch schlimmer wäre“.

Wie schlimm soll es eigentlich noch werden?

Ein klares Wort der Unternehmerschaft

„In einer Entschließung unterstreicht der Bund katholischer Unternehmer, dass er von der Sozialverpflichtung des Eigentums und des Wirtschaftens nicht abrücken wolle. Aber es hätten sich unter der Überschrift ‚Sozialpolitik‘ Entwicklungen vollzogen, die als zutiefst unsozial angesehen werden müssten. So sei es unsozial, die Arbeitslosigkeit durch pauschale Regelungen der Arbeitszeit auf ältere Mitmenschen abzuschieben, durch den überzogenen Kündigungsschutz nur die Besitzer von Arbeit zu schützen, durch übertriebene Sozialpläne Unternehmen in den Konkurs zu treiben und Arbeitsplätze zu vernichten, die gerettet werden könnten, durch zu hohe Arbeitskosten die Schattenwirtschaft zu fördern…“ (Süddeutsche Zeitung)

Die „Sozialverpflichtung des Eigentums“ kann also nur dann gewahrt bleiben,

  • wenn die Arbeitslosigkeit auf ältere und jüngere Mitmenschen „abgeschoben“ wird;
  • wenn die Unternehmer bei ihren speziellen Regelungen zur Arbeitszeit und Produktion von Arbeitslosen in keiner Weise beschränkt werden;
  • wenn der Kündigungsschutz weniger die „Arbeitsplatzbesitzer“, dafür um so mehr die Gekündigten „schützt“;
  • wenn Konkurse unbehindert von Sozialplänen gemacht werden könmen, denn nur das „erhält Arbeitsplätze“;
  • wenn durch niedrigste Arbeitskosten die Schattenwirtschaft in den Schatten gestellt wird.

Merke: Die sozialste Einrichtung ist der Profit.

Quelle: MSZ 1983 Ausgabe 12

Männlichkeit: Respekt fürs Ausgebeutet werden

Sonntag, November 3rd, 2013

Es ist noch nicht lange her, da habe ich an anderer Stelle zum Gender Pay Gap geschrieben, und wie man Männer, die aufgrund dieses Gaps auf ihre Überlegenheit schließen, kritisiert:

Die 1. Regel des Kapitalisten ist, dass die Arbeitskraft für so wenig Geld als möglich, so viel als möglich leisten soll – und das ist ein totalitärer Anspruch. Er umfasst, dass du anzutreten hast zu Überstunden, im Notfall am Wochenende, dass du nicht in Pflegeurlaub gehst etc. Viele, aber nicht alle Frauen kriegen Kinder – und alleine, dass sie dann zB nicht mehr 25kg-Kartoffelsäcke heben können (evilmel brachte mal das Bsp), schlägt sich in der Kalkulation des Kapitalisten einschlägig wieder. Der sagt dann: OK, du kriegst einen Job (höhere aber, wo es zB auch Weiterbildung braucht, seeeeeehr selten und nur bei Arbeitskräftemangel, also wenns keine Männer dafür gibt), aber halt nur zur Bedingung, dass du weniger kriegst.
Und warum trifft das auch kinderlose Frauen? Na weil der bei der Einstellung nicht wissen kann, wer schwanger wird (und das Gesetz erlaubt ja nicht ohne Grund den Frauen das Schummeln – der Gesetzgeber weiß um die Kalkulation des Kapitalisten), daher exekutiert er die Ausfallswahrscheinlichkeit an *allen* Frauen: zB auch an mir, obwohl kinderlos. Und weil das so ist, kommst auch im Alter, wenn die Kinderfrage eigentlich erledigt ist, nimmer auf denselben Lohn – warst ja schon immer drunter. Die Kapitalisten in ihrer Gesamtheit bringen diesen „materiellen Fakt“ hervor. Die „Minderwertigkeit“ ist eine hergestellte, denn vom konkreten Individuum wird abgesehen.

Wenn ich das weiß, dann weiß ich schon eine Menge über Lohnarbeit, und auch darüber, wie auch Männer drin vorkommen. Ich kritisiere die dann nicht, indem ich moralische Vorschriften erlasse, sondern indem ich mal frage, ob es nicht selten dumm ist, daraus Stolz („Männlichkeit“!) zu ziehen, dass man selber 100% zum Verheizen hergenommen wird! Das ist nämlich das, was die Typen machen, wenn sie Frauen, die in der Lohnarbeiterkonkurrenz schlechter aussteigen, belächeln: Sie belächeln ihre eigene permanente Ausbeutung/Ausbeutbarkeit. Da sind diese Deppen echt stolz drauf – dass sie zur Ausbeutung noch besser taugen (bzw. zumind. vom Kapitalisten so gesehen werden – die das dann auch so umsetzen).

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Heute ist nun Weltmännertag, und die BILD bemüht sich darum, festgehaltenes zu unterstreichen: Respekt und Anerkennung für ihre herausragende Männlichkeit fordern die Männer in der Titelstory da. Und warum und wofür? Sie machen Überstunden, sie arbeiten 10 Stunden am Tag, usw.

Man muss sich schon mal klarmachen, für was Männlichkeit da steht: Dafür, von Staat und Kapital be- und vernutzt zu werden, und darauf auch noch heldenhaft stolz zu sein. Und die Lage, die einen erst dazu bringt, andere reicher machen zu müssen, und der erbärmliche durch die Lage erzwungene Umgang damit (Überstunden etc.): beides nicht nur nicht kritisiert bei der Forderung nach Anerkennung und Respekt, sondern hochgehalten.

Der Respekt, der da gefordert wird, ist der Respekt für die erbärmliche Lohnsklavenexistenz. Diese ordentlich auszufüllen, indem sich Staat und Kapital untergeordnet wird, soll zum Lob gereichen. Praktisch dabei: Anerkennung, Respekt und Lob kosten Staat und Kapital nichts. Den Proleten aber schon: der muss sich all das ja erstmal durch umfassende Ausbeutung verdienen. Wie von der BILD festgehalten: Überstunden, 10 Stunden Arbeit am Tag, usw. Dafür ist man(n) dann aber echt männlich – und das sollte doch wohl respektiert werden, oder?!

PS: Aus Geschichte und Gegenwart ist noch eine leicht andere Version desselben Schmarrens bekannt: Männlichkeit dank Kriegsheldentum. Da bilden sich die als Kanonenfutter in Erscheinung tretenden Untertanen glatt was drauf ein, vom Staat verheizt zu werden.

PPS: Frauen können das auch. Das ganze Gelaber um „starke Frauen“ zeugt davon: Da wird das Faktum, dass auch Frauen hier und heute ums Überleben kämpfen müssen, nicht zum Anlass genommen, mal die Verhältnisse unter die Lupe zu nehmen und zu kritisieren; sondern der Überlebenskampf der Frauen – den Frauen aufgezwungen -, soll belegen, wie toll Frauen doch sind: die schaffen so viel (Mehrfachbelastung). Zynischer geht’s kaum.