Archive for the ‘Allgemein’ Category

Anerkennung

Samstag, November 2nd, 2013

»The number of people who still believe that the oppressed have to “earn” respect from their oppressors is truly astounding« <3

Ja, das finde ich auch. Die ganze Debatte um Anerkennung von Betroffenheiten ging und geht genau um das: dass man sich vor (angebliche oder wirkliche) Rassisten hinstellt und fordert, dass sie die Betroffenheit anerkennen, die damit (angeblich*) einhergehende Expertise ebenso, und dass sie sich dann anders verhalten.

Das hatte und hat für mich was bizarres. Wie wenn ein vom Antisemitismus geschädigter Mensch zu einem Nazi hingeht und bittet, dass er seinen Antisemitismus einstelle, weil ihn das ja schädige**. Das beeindruckt den Nazi natürlich nicht.
Wie es dann weiter geht: Man ist dann sauer & empört, wirft dann dem Nazi vor, dass er Nazi ist. Nur: das weiß der schon, und für das Vertreten der entsprechenden Inhalte hat er sich bewusst entschieden. Der sagt auf den Vorwurf höchstens: „Ja, und zwar weil das richtig ist.“

Jetzt ist es für einen Menschen, den sich Antisemiten ins Opferschema passend machen, natürlich nicht möglich, mit so einem solchen Debatten darüber zu führen, dass und wieso Antisemitismus falsch ist. Die Frage ist aber, was Menschen, die von Antisemiten nicht oder nicht sofort als Feinde einsortiert werden, zum Antisemiten sagen sollen. Sollen sie um Anerkennung der Betroffenheit der Geschädigten bitten? Oder ist das schlicht zynisch, weil der Antisemit eh weiß, dass die betroffen und geschädigt sind, weil er sie nämlich ganz bewusst betroffen macht und schädigt?

Ich will auf folgendes raus: Anerkennung ist kein geeignetes Mittel im Kampf gegen Rassismus, Sexismus, Antisemitismus. Wenn ich das schreibe, weiß ich ganz genau, dass ich mir damit den Titel „Rassistin/Sexistin/Antisemitin“ abhole. Weil das nämlich das einzige ist, wozu diese bizarre Politik taugt: Leute, die diese Pseudopolitik, die sich zwangsläufig nur in Szenekreisen etablieren kann, kritisieren, in diesen Topf zu werfen. Denn alleine das Einfordern von Argumenten, das „Ich möchte das erklärt bekommen, denn ich verstehe es nicht, ich bin noch nicht überzeugt“, ist vollkommen ausreichend für das einschlägige Urteil.
Diese ganze Politik schrumpft zusammen auf ein: Menschen, die eh schon überzeugt sind, kreisen um sich selbst und verurteilen den Rest moralisch. Selbstbestätigung, darauf läuft das hinaus, auf eine Inszenierung als moralisch erhabene Person.
Überzeugen lassen sich von sowas zwei Arten von Leuten: 1.) solche, die sich im Rahmen umfassender Persönlichkeitspflege auch als herausragende moralische Subjekte inszenieren wollen, 2.) solche, die sich wie ein Fähnchen-im-Wind der herrschenden Moral in der linken Szenerie (bzw. jenen Ecken, wo diese Politik halt etabliert werden konnte) anpassen – und bei nächstbester Gelegenheit auch wieder umschwenken.

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*Erfahrung ist nicht die richtige Erklärung der Erfahrung. Wieder Nazis, zB Neonazis in der ehemaligen DDR: Sind verarmte Proleten, machen aber nicht automatisch Klassenkampf – was richtig wäre -, sondern gehen auf Menschen los, die sie als „undeutsch“ ansehen. Insofern ist auch der in den letzten Tagen aufgekommene Vorwurf, ich und andere würden eine „Verelendungstheorie“ vertreten, falsch: Dass sich aus Erfahrung automatisch auch deren richtige Erklärung speise, behaupten nicht ‚wir‘, sondern die, die Erfahrung und Expertise in eins fallen lassen (was auch empirisch-historisch jederzeit widerlegt werden kann).
**Das kam gestern tatsächlich in der Debatte vor: Skandalisierung der „Grenzverletzung“, die ein Nazi tätigt. „Grenzverletzung“ ist, das wurde mir dann erst heute klar, ein Begriff, den ich ablehne, weil in diesen Topf vom Redeverhalten bis hin zum Massenmord alles reingeworfen wird – und das finde ich dann meist verharmlosend.

Thesen zum Imperialismus – Gibt es das heute noch?

Montag, Oktober 14th, 2013

Peter Decker, GegenStandpunkt

Thesen zum Imperialismus – Gibt es das heute noch?

Wer unter dem Stichwort Weltordnung eine geordnete Welt erwartet, liegt daneben. In der Ordnung von heute akkumulieren die „Brennpunkte“. Krieg und Kriegsdrohung, Abschreckung, von außen geschürte Bürgerkriege, failed states und Chaos – all das ist Normalzustand. Die größten und wichtigsten Staaten des Globus sind bei jeder Schlächterei mitten drin. Die USA führen seit Jahren einen groß angelegten Krieg um die Neuordnung des Nahen Ostens mit dem Ziel, erstens islamistische Feinde und arabischen Nationalismus zu vernichten, und zweitens dadurch die Gefolgschaft der übrigen Staatenwelt, also amerikanische Führung zu erzwingen. Die EU-Mächte, Russland und China leisten hinhaltend Widerstand oder machen berechnend mit. Aber nicht, um den Amerikanern zu helfen und sich ihrer Führung zu beugen, sondern um ihnen das Feld der militärischen Neuordnung des Globus nicht alleine zu überlassen und selbst als bedrohliche Machtmonster Statur zu gewinnen und von den USA die Berücksichtigung ihrer nationalen Ansprüche zu erzwingen.

Wir sind Betroffene und Instrumente in einem Konkurrenzkampf um Herrschaftsverhältnisse zwischen Staaten. Die politischen Souveräne kommandieren und verpflichten nicht nur ihre jeweiligen Bürger, sondern ringen darum, sich auch die politische Herrschaft über andere Gesellschaften gefügig und dienstbar zu machen. Soweit das Faktum. Die Frage ist: Warum lassen sich die heutigen Gemeinwesen nicht in Ruhe? Warum geht der internationale Austausch nicht ab ohne einen Kampf um Diktat und Gefolgschaft zwischen den Staatsgewalten? Hier eine überaus knappe Antwort.

1.
Der Staat, der in seinem Inneren Kapitalismus etabliert, schützt und zum Florieren bringt, öffnet den einheimischen Unternehmen den Weg ins Ausland, indem er bei anderen Staatsgewalten die Erlaubnis erwirkt und die Konditionen dafür vereinbart, dass seine Geschäftsleute auch im fremden Hoheitsbereicht den Schutz ihres Eigentums genießen, kaufen, verkaufen, investieren und Leute ausbeuten können dürfen. Schon die Öffnung anderer Staaten – einseitig oder gegenseitig –, sowie die Vereinbarung der Konditionen des grenzüberschreitenden Geschäftsverkehrs zwischen souveränen Staaten ist eine Gewaltfrage.

2.
Wenn der Staat seinen Kapitalisten das Spielfeld erweitert – inzwischen auf den ganzen Globus –, wenn er privaten Geschäftsinteressen dient, macht er sich gleichwohl nicht zu deren selbstlosem Diener; er ist kein Getriebener und Gezwungener, auch nicht unter den Bedingungen der heutigen „Globalisierung“; vielmehr bezweckt die Ausweitung der Geschäftsgelegenheiten aufs Ausland, das Kapitalwachstum auf dem nationalen Territorium zu beschleunigen, also das erste Lebensmittel der kapitalistischen Nation und die materielle Grundlage der Staatsmacht zu befördern.

3.
Damit macht der bürgerliche Staat ausländische Reichtumsquellen zu eigenen; setzt deren Nutzung und Aneignung aber auch dem Verlauf der kapitalistischen Privatkonkurrenz aus. Er ist nun aber kein neutraler Beschützer des internationalen Geschäftsgangs nach dem olympischen Motto: „Der Bessere möge gewinnen!“, sondern Partei. Er erlaubt den internationalen Geschäftsverkehr nur um sich am Partnerstaat zu bereichern und nicht um sich zu seinem Nachteil zur Reichtumsquelle anderer Nationen machen zu lassen. Daher steht er in einem ständigen Kampf mit „Partner-Nationen“ um die Korrektur von Handels- und Investitionsbedingungen mit dem Ziel, dass diese Bedingungen so vereinbart werden sollen, dass sie die Benutzung der Ökonomie des Partnerstaats garantieren, eine schädliche Benutzung durch ihn aber ausschließen. „Argumente“ in diesem Ringen sind: a) Was ein Staat mit dem gewährten Zugang zu seinem Binnenmarkt dem anderen zu bieten hat. Was er ihm b) also auch entziehen und welchen Schaden er dadurch bei ihm anrichten kann. Entscheidendes Argument in diesem diplomatischen Streit bleibt aber c) stets die politisch-militärische Macht selbst.

4.
Deshalb stehen die kapitalistischen Staaten getrennt von ihrer ökonomischen Konkurrenz – und als Grundlage dafür – in einer nie endenden Konkurrenz um überlegene Gewalt; ihr Ideal, von den USA direkt angestrebt, ist das Gewaltmonopol über die Welt der Staatsgewalten. Jeder Souverän verlangt von anderen, mit denen er in Verkehr steht, ihn als die Macht, die er ist, anzuerkennen und auf dieser Basis, die Ansprüche, die er stellt, als sein gutes Recht zu respektieren. Diese Gewaltkonkurrenz ist losgelöst von einzelnen wirtschaftlichen Verträgen, von Konjunktur und Krise. Sie ist überhaupt keine Wirkung irgendeines Nicht-Funktionierens, sei es der inneren Akkumulation, sei es äußerer Benutzungsverhältnisse. Vielmehr ist sie die Grundlage des ganzen diplomatischen und ökonomischen Verkehrs zwischen den Staaten. Frieden herrscht, wenn zwei Seiten sich mit dem gegebenen Herrschafts- und Unterordnungsverhältnis zwischen ihnen zufrieden geben. Krieg „bricht aus“, wenn eine Seite (oder beide) zu dem Schluss kommt, die andere missachte umfassend die Rechte, die sie sich herausnimmt.

5.
In ihrer Konkurrenz als sich abschreckende und bedrohende Gewalten denken Staaten strategisch, d.h. sie antizipieren Krieg zwischen sich, sie unterhalten mitten im Frieden große Heere und rüsten; von Seiten möglicher Gegner verbitten sie sich Rüstungsanstrengungen. Sie organisieren die Welt in große Fronten, die den Feind bedrohen, und ringen in Bündnissen um die Ein- und Unterordnung der Partner unter ihre Führung. Für die militärische Stärkung der Nation und die Schwächung rivalisierender Staaten werden alle inländischen und weltwirtschaftlichen Reichtumsquellen der Nation in Dienst genommen (Wirtschaftskrieg, Sanktionen, Rüstungs- und Kriegskosten) und der Selbstbehauptung der Schutzmacht des nationalen Kapitalismus zur Not geopfert – im Krieg bis hin zur Zerstörung des eigenen Landes.

Das frühere Verhältnis der USA zu ihren europäischen Nato-Waffenbrüdern und das heutige Ringen um europäische Augenhöhe bzw. um die Degradation der einstigen Verbündeten zu Hilfstruppen im Anti-Terror-Krieg („Koalition der Willigen“) unterstreichen die grundsätzlichen Ausführungen nur.

via ug kongress

Liberaler Nützlichkeitsrassismus

Sonntag, November 25th, 2012

Ordentliche Migranten

Bild: Screenshot von derstandard.at
Sie, und viele andere, könnten sich in Wien und in Österreich wohlfühlen, wenn — ja, wenn das Land nicht voller RassistInnen wäre. Zum Beispiel voller solcher RassistInnen, die in ihrem Liberalismus angeblich absehen vom völkischen Gedankentum und „nur noch“ auf Nützlichkeitsrassismus setzen.
Was will uns der die Schreiberling mitteilen, wenn sie mitteilt, dass die Zwei erfolgreich in ihren Berufen sind und gut angezogen? Was hat das mit der eigentlichen Geschichte zu tun? Was soll vermittelt werden, wenn nicht, dass es damit welche sind, denen es zusteht, sich wohlzufühlen — weil sie für Wirtschaftsstandort und Wachstum zu gebrauchen sind? Und das auch noch in einem Outfit, das ‚uns‘ passt, weil es das ‚unsere‘ ist?
Und was ist mit jenen, die nicht „dynamisch“ — Übersetzung: passt sich untertänig noch an jede Zuckung des Kapitals an — sind? Oder, noch schlimmer, nicht in ihren Berufen „erfolgreich“ sind? Und sich nicht „gut“ anziehen? „Könnten“ die sich dann nicht in Wien wohlfühlen? Wieso eigentlich nicht? Vielleicht weil der die Schreiberling der Meinung ist, dass sich „solche“ das Wohlfühlen in Wien nicht verdient haben?

Das Patenkind

Mittwoch, November 21st, 2012

Unten Update

Katharina König, LINKE-Politikerin, hat nicht nur ihre Liebe zu Israel, sondern darüber hinaus noch ein Patenkind. Dieses besucht sie ab und an, und manchmal darf es mit seinen wunderschönen Augen auch einen Tweet schmücken: 

Katharina König sorgt sich ein bisschen mit, aber mehr noch sorgt sie sich um Israel. Denn dass ihr Patenkind bei einer allfälligen Herrschaft der Hamas nicht ins Paradies Israel flüchten darf, weiß auch sie — schließlich handelt es sich um ein palästinensisches Kind, hat also die ganz und gar falsche Abstammung, und dabei helfen auch süße Augerl nichts — , und das findet sie auch gut so. Schlecht getarnt kommt der Rassismus als „Demographiegründe“ daher:

Da wirken die süßen Augen natürlich gleich nicht mehr so süß. Denn daran, dass das Patenkind Bestandteil des „Demographieproblems“ ist, auf das König mit „Demographiegründe“ anspielt, kann ja wohl kein Zweifel bestehen. Kulleraugen hin, süße Haarlöckchen her, dieses Kind bedroht mit seiner puren Existenz Israel! Genau so ist es, meint die Patentante, und erklärt auf die Feststellung, dass das wohl völkischer Nationalismus sei:

Ja, es ist völkischer Nationalismus, aber den braucht’s halt, wenn man ein völkisches Staatsgründungsprojekt erfolgreich umsetzen will. So ehrlich ist Katharina König immerhin, und weil sie so ehrlich ist, lässt sie uns auch wissen, dass arabische Israelis keine Israelis sind (und damit hat sie sogar recht: in der Tat sind das Bürger zweiter Klasse, nur bei dir ist das halt nicht kritikabel, versteht sich). Sondern eben: ein Demographieproblem. 

Ich frage mich nun zweierlei: 
1. Wieso füttert Katharina König das Demographieproblem mit den Kulleraugen durch eine Patenschaft, wo sie doch darum weiß, dass es Israel bedroht? Ist König in Wahrheit Antisemitin, die über diesen Weg die Vollendung der Shoah anstrebt? 
2. Wie bankrott ist eine Linke, die nicht auf die Idee kommt, dass Antisemitismus was mit falschen Gedanken zu tun hat, also nicht quasinatürlich im Körper eines kleinen Kindes steckt, um dann einem rassistischen Regime die Däumchen zu drücken?

UPDATE

Katharina König meint, ich würde sie falsch interpretieren/wiedergeben: sie würde nur die offizielle Haltung Israels wiedergeben:

Das freut mich, allerdings irritiert mich dabei dieser Tweet etwas:

Aber anscheinend „sieht“ König diese Notwendigkeit mittlerweile nicht mehr. Fein.

Schnipsel zur Lage der „arabischen Israelis“

Dienstag, November 20th, 2012
Teh only democracy in teh barbaric orient with all its wild wild animals!

The phenomenon of ‘unrecognised villages’ in Israel is a perfect microcosm of the way in which Palestinian citizens are, in more than one sense, ‘wiped off the map’. Across the country, but mainly in the Negev, around 90,000 Palestinian citizens live in over 40 unrecognised villages, which the state refuses to legalise, and whose residents ‘lack security of tenure and public services’.

The demolition of Palestinian homes is a widespread phenomenon in Israel, despite some people associating the practice solely with areas under military occupation, like East Jerusalem or the Jordan Valley.

Like in other cases, some of Dahmash’s residents were given the land by the state ‘as compensation for lands from which they had been displaced’ in 1948 and ‘to which the Israeli government prohibited them from returning’.113 Since then, however, officials have refused to ‘zone Dahmash for residential construction’.

Perhaps ‘the most famous case of the internally displaced’ was the (Christian) Palestinians of two villages, Kafr Bir’im and Iqrit.58 The villagers were expelled by the Israeli military in 1948, though were told that the displacement would be ‘temporary’. As the months became years, the Palestinians took their case to the courts. Yet while the case of Iqrit was still pending, Israeli forces blew up every house in the village. Kafr Bir’im, meanwhile, was declared a ‘closed area’ for security reasons, thus requiring a permit for entry: permits the army refused to give. In 1953, after the Finance Ministry had confiscated the land on the pretext that it was ‘abandoned’ and ‘uncultivated’ by the owners, the army destroyed the remaining houses. ‘The lands of the villages were confiscated, declared “state lands”, and leased to Jewish agricultural and urban settlements.’

In the words of Human Rights Watch’s deputy Middle East director: ‘The 600 people of Dahmash are treated as if they don’t exist, while Jewish towns are developed nearby in a way that threatens Dahmash residents’ access to their homes and lands.’114 As Arafat Ismayil, head of the Dahmash village committee, said to me, ‘We’re in the heart of Israel, but we’re not here’.

aus: Palestinians in Israel: Segregation, Discrimination and Democracy

Sternchenpolitik

Dienstag, November 6th, 2012

Triggerwarnungen sind gut. Sie warnen z.B. Menschen, die durch Gewalterfahrungen traumatisiert wurden, davor, dass in einem medialen Text Gewaltbeschreibungen zu finden sind. Der Mensch kann sich dann entscheiden: kann ich mir das Lesen des folgenden Textes gerade zumuten oder nicht? Soweit, so gut. 

Allerdings gibt es die Praxis, Triggerwarnungen mit Sternchen und sonstigem zu verzieren. Man liest dann etwa: 

(Triggerwarnung (Verlinkungen inbegriffen): V*rg*w*lt*g*ngsverharmlosungen werden zitiert, Strategien zur Aufrechterhaltung einer V*rg*w*lt*g*ngskultur werden thematisiert und das Wort V*rg*w*lt*g*ng wird mehrfach ausgeschrieben.)

So gelesen auf der Mädchenmannschaft dieser Tage. 

Mich würde nun interessieren, was die V*rg*w*lt*g*ng von Vergewaltigung unterscheidet. Und zwar inhaltlich und in Bezug auf das, was im Kopf der Lesenden ankommt. 
Es ist ja wohl so, dass Triggerwarnungen warnen sollen, und um das zu können, muss der Inhalt klar verständlich sein. Und das ist er in der Tat, Sternchen hin, Sternchen her, auch bei V*rg*w*lt*g*ng. Jeder und jede weiß, was da zu lesen ist und was es heißt. Alles andere führte die Idee der Warnung auch ad absurdum. 
Allerdings frage ich mich, wie man auf die Idee kommt (die dann zu dieser Sternchenpolitik führt), dass das weniger traumatisierend als das Ohne-Sternchen-Wort sei, wo es doch klar lesbar ist – und sein muss – als der Inhalt, vor dem gewarnt wird. Kommt es bei Retraumatisierungen nicht auf den Gedanken im Kopf an? 

Wissenschaftsbetrieb, hautnah

Sonntag, August 5th, 2012

Letztens wurde mir wieder mal erzählt: Es gibt da draußen zahlreiche Studierende, die davon ausgehen, dass sie mal ihren Platz finden werden im Wissenschaftsbetrieb AKA Uni, dass sie dann da lauter tolle Sachen machen werden, dass sie dann von da aus die Welt verbessern werden. Man erzählte mir also was, was ich schon wusste. Entsetzt war ich trotzdem. Von dieser Naivität, die nicht sehen will, wie und wie viele verheizt werden im und durch den Wissenschaftsbetrieb, gnadenlos.

Wissenschaftsbetrieb, das ist ähnlich wie Journalismus: Zuallererst sollst du dir einbilden, dass dein Beitrag wahnsinnig wichtig ist. Für „uns alle“. Wenn dir das einleuchtet — du dir also den passenden Idealismus zugelegt hast –, dann wird dir mitgeteilt, dass ein Großteil deines Lohnes aus der Ehre besteht, einen Beitrag leisten zu dürfen. Hackeln im Wissenschaftsbereich heißt zunächst: prekär arbeiten. Und für die meisten wird das „zunächst“ zu einem dauerhaften Zustand. Und auch dafür musst, sollst du immer dankbar sein.

Danke für den Lehrauftrag, auf Werkvertragsbasis, 600 oder 700 Euro fürs ganze Semester. Juhu, Standard in Deutschland, in Österreich gibt es manchmal etwas mehr! Aber auch dahin muss man ja mal kommen. Das Ergebnis einer Errechnung des Stundenlohns, alle „inoffiziellen“ Arbeitsstunden eingerechnet, für eine wissenschaftliche Hilfskraft (Österreich) ergab Mitte der 2000er: 2 Euro.

Da denkt man sich: mach ich nicht! Doch dann denkt man sich: doch, muss ich machen, das steigert die Chance später auserwählt zu werden. Nur: so denken alle. Also reißen sich alle darum. Schlussendlich reißen sich die Hoffenden auch um unbezahlte Lehraufträge. Na klar gibt es die, denn die unbezahlten Lehrbeauftragten müssen ja dankbar sein, das machen zu dürfen: Lehrerfahrung, für den Lebenslauf. Noch bei jedem „Angebot“, bei dem einer das Kotzen kommt, weil man da nur noch ärmer wird, wird man daran erinnert, dass man es da mit einer einzigartigen Großzügigkeit zu tun hat. — Und, das ist der schlechte Witz bei der ganzen Sache: die meisten sind auch dankbar. Bis um Umkippen. Stichwort Burnout. Ich habe diesen Fehler auch gemacht. Jahrelang.

Man kann das alles durchziehen. Aber bitte doch nicht so naiv, doch bitte nicht ohne Plan B. Es schaffen immer nur wenige, nämlich jene, die sich in der enormen Konkurrenz durchsetzen. Die anderen landen promoviert oder gar habilitiert in der Langzeitarbeitslosigkeit. Und nur zur Klarstellung, falls jemand meint, man könne auch in der Arbeitslosenverwaltung wichtige wissenschaftliche Beiträge erbringen, die für den Betrieb namens Wissenschaft von Interesse sind: Nein, kann man nicht, man wird ignoriert werden. Es kommt niemand daher und segnet Langzeitarbeitslose mit Aufmerksamkeit. Und selber kann man sie sich nicht schaffen, denn man wird auf Tagungen fehlen. Usw.

Übrigens Tagungen: Wer sich das als nettes Miteinander vorstellt, wo man gemeinsam an der Lösung für ein Problem arbeitet, sollte sich das noch mal genauer anschauen. Tagungen: das sind Events, wo KonkurrentInnen aufeinander treffen. Tagungen sind dazu da, andere fertigzumachen, um selber gut dazustehn. Die Unteren machen das, um vorwärts zu kommen. Die Oberen machen das, um ihre „Schule“ zu fördern. Es geht bei Tagungen um alles mögliche, aber sicher nicht darum, sich kooperativ einen Gegenstand zu erklären.

Nicht lange reden will ich von jenen, die kritisch sind. Äußern sie die Kritik, sind sie unten durch: da gibt es dann auch ganz schnell keine tollen prekären Arbeitsverhältnisse mehr. Und ja, das gilt auch dann, wenn der oder die Vorgesetzte sich selber als mordskritisch gibt. Selber erlebt. Also: Maul halten, nachbeten, ein bisserl kritisch, aber immer bauchpinselnd dosiert. Da ist der Idealismus dann auch mal weg. Kein Fehler.

Also: man kann sich das vornehmen, aber dann nicht so naiv. Das heißt dann aber auch: ja, ich stelle mich jetzt bewusst in Konkurrenz zu allen anderen. Wenn es um eine Stelle geht und eine Freundin bewirbt sich auch, dann muss ich sie ausstechen — mit den Konkurrenzmitteln des Wissenschaftsbetriebs, die da wären:

Publikationen: Nein, da geht es nicht um eure Weblogs. Die interessieren in Wahrheit kaum jemanden, sind wissenschaftlich nicht relevant. Relevant sind Beiträge in wissenschaftlichen Sammelbändern oder Journals, am besten mit Peer review. Auch das Publizieren einer Monographie in einem anerkannten Verlag steht einer gut: das kostet z.B. beim VS Verlag gleich mal ein paar tausend Euro. Ja, richtig gelesen, ihr zahlt dafür. Und ja, ihr layoutet trotzdem selber etc. — Auch so ein Verlag will an der Verzweiflung und der Konkurrenz unter WissenschafterInnen was verdienen, eh klar.

Tagungen: Nein, da meint man nicht das x-te Treffen mit den Homies im nächsten Freiraum. Sondern das oben beschriebene. Also Call for Papers, hoffen, dass man genommen wird, Tagungsbeitrag zahlen, Reisekosten zahlen (manchmal hat man Glück und man kriegt auch als jemand am Arsch der Hierarchie einen mickrigen Zuschuss), dort sich aufpudeln. Networken mit Leuten, auch wenn man nicht alles richtig findet, was die machen oder sie eigentlich unsympathisch findet: die haben aber Stellen und Projekte etc. Also Buckeln.

Lehrerfahrung: zur Not unbezahlt, siehe oben.

Das alles für den Lebenslauf.  Projektarbeit ist auch erwünscht.

Kritik an denen, die oben sitzen und eine vielleicht auf eine Stelle bringen: sollte man sich sparen. Kritik ist de facto erst möglich, wenn man eine unbefristete Stelle ergattert hat, eine unbefristete Professur. Auch befristete Professuren können abgesägt werden, wenn der oder die InhaberIn zu kritisch ist. Ich durfte das beobachten.

Lange Rede, kurzer Sinn: Legt den Wissenschaftsidealismus ab. Das erspart euch die Scheiße zwar nicht, aber ihr zerbrecht wenigstens nicht psychisch daran. Und ihr könnt dann auch besser abschätzen, wann mal Schluss ist. Und dieser Schlusspunkt kommt bald. Anders formuliert, der Kommentar einer der Oberen angesichts der Bewerbung einer 28-Jährigen auf eine Dissertantenstelle: „Zu alt.“ Denn, das hatte ich fast vergessen, man sollte natürlich so schnell als möglich promoviert sein. Bei der Habil ist es nicht so leicht: natürlich nicht zu spät; aber zu früh auch nicht, denn das verärgert die Profs, die selber später habilitierten. Und das sind ja die, von denen man abhängig ist. Die Tendenz weist trotzdem nach unten: allzu lange Nachdenken sollte man weder bei der Diss, noch bei der Habil. Das, und das ist die Wahrheit, versaut einem das Fortkommen in diesem ach so schönen Wissenschaftsbetrieb.