Kategorie: Antisexismus

Der rosa Glitzer war’s!

Wie sollen all die kleinen Mädchen, die ihre Zeit und ihr erstes Taschengeld in rosa Glitzer investieren oder unter Essstörungen leiden, je die Jobs in den Vorstandsetagen übernehmen, für die ihre Mütter gerade kämpfen?

Rosa Rollback

1. Suggeriert wird, dass für „all die kleinen Mädchen“ ein Job in einer Vorstandsetage bereitstünde. Das ist selbstverständlich eine Lüge: Wie auch für die meisten „kleinen Buben“ stehen für die meisten „kleinen Mädchen“ wenn überhaupt, dann nur Jobs bereit, bei denen sie selber arm bleiben bzw. eigentlich sogar ärmer werden, während sie andere reicher machen müssen. Dass ein paar Frauen in den oberen Etagen sitzen — und das hat in den seltesten Fällen was mit Glitzer oder Nicht-Glitzer zu tun –, nützt den „kleinen Mädchen“ in etwa so viel, wie zB dem nächstbesten Bauarbeiter oder Hartz-IV-Bezieher die Ackermänner nützen.

2. Wird damit nahelegt, dass „all die Mädchen“ in Wahrheit nur aus einem Grund nicht in den Genuß der Vorzüge des besten aller besten Wirtschaftssysteme kämen: wegen dem rosa Glitzer. Auch eine Art, die mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit auch weiterhin bestehende besonders krasse Armut unter proletarischen Frauen zu ähm „erklären“: Der Glitzer war’s! Hätten sie den mal abgelegt, die Mädels, dann wäre ihnen die kapitalistische Welt offengestanden! Aber mit Glitzer: da reicht’s halt nur zu Leiharbeit, Aldi-Kassierin und Hartz-IV. Schade.

3. Macht dieser krönende Abschluss durchaus deutlich, um was es eigentlich geht. Darum, dass Sexismus immer dann im Kreuzfeuer der bürgerlichen Kritik steht, wenn es darum geht, dass „unsere Wirtschaft“ darunter leidet. In dem Fall, weil zukünftige „Führerinnen“ fehlen. Sexismus ist eben nur tolerabel, wenn nicht gar zu befördern, solange er dem großen Ganzen — in dem Fall: Deutschland — dienlich ist.

Im Namen der Opfer

Buh, seit Tagen geht es auf Twitter um eine Klotüre. Diese war wohl mit einem Kunstwerk einer Künstlerin verziert, das von manchen oder vielen als vergewaltigungsverharmlosend verstanden wurde und wird. Gesagt wird, das Kunstwerk sei als Betandteil von „rape culture“ zu verstehen. Ich denke, darüber kann man lange debattieren — Stichwort z.B.: Was darf Kunst? –, aber ich möchte das hier gar nicht machen.

Denn viel interessanter als das konkrete Beispiel finde ich, dass dieses von manchen nun herangezogen wird, um die Beschäftigung mit Sexismus insgesamt zu kritisieren. Und, aber das ist keineswegs überraschend, das läuft nach einem Muster ab, das man schon aus der Mainstream-Rassismusdebatte kennt.

Das Muster gestaltet sich dabei wie folgt: a.) Rassistische Gewalttaten lehnt man ab, man ist schockiert und empört, wenn es zu solchen kommt; b.) kommt dann jemand daher und sagt, „Solche Gewalttaten sind ’nur‘ der Ausfluss / die Spitze des Eisbergs des gesellschaftlich etablierten Rassismus“, dann wird sich gleich weiter empört. Denn damit steht plötzlich nicht mehr nur ein „Extremist“ / „Außenseiter“ / einer vom „Rand“ in der Kritik, sondern die Gesellschaft, die diese hervorbringt. Und, das ist das schlimme, man selber mit seinen Überzeugungen.

Das Muster also:

Wer meint, es ginge hier nur um die Causa Klotüre, wird gleich eines besseren belehrt:

Zusammenfassung: Wer sich mit der Ideologie befasst, die zu sexistischen Übergriffen führt, verharmlost also sexistische Übergriffe, insbesondere Vergewaltigung. Wie gut, dass es da heldinnenhafte Twitteruser gibt, die die Opfer von Übergriffen gegen jene verteidigen, die die ideologische Grundlage ebendieser Übergriffe kritisieren. Wer verhöhnt da die Opfer?

Man kann die Klotüre ja kontrovers debattieren, sich die Frage stellen: Ist das wirklich „rape culture“? Nur damit hat das hier nichts zu tun. Hier findet etwas anderes statt: Die konkrete Auseinandersetzung wird zum Anlass genommen, die Kritik von Sexismus in einer seiner brutalsten Formen in den Tonne zu treten. Im Namen jener, die seine Opfer wurden. Wie gesagt: altbekanntes Muster. Der Applaus der SexistInnen ist gewiss.

Sexismus widerlegt sich selbst

In letzter Zeit beschäftigt mich folgende Frage: Inwieweit ist die theoretische Aufhebung der sex/gender-Trennung auf ein — hoffentlich vorläufiges — antisexistisches Scheitern zurückzuführen? Anders formuliert: Wieso ist die Aufhebung dieser Trennung überhaupt von Relevanz? Wieso und weshalb gibt es sie und wieso und weshalb halten sie sehr viele Menschen für ungemein wichtig?

Feministinnen sind früher angetreten mit: „Biologie ist kein Schicksal!“ Damit sollte gesagt sein: „Ich hab zwar keinen Pimmel, aber das rechtfertigt in keinster Weise eine gesellschaftliche Verortung, die dann mein Leben bestimmt; die Zuweisung von angeblich geschlechtsspezifischen Aufgaben, Pflichten etc.!“

Gerichtet war das an die SexistInnen (ja, auch Frauen), die meinten, die biologische Ausstattung determiniere den Menschen. Beziehungsweise korrekter: die das behaupteten. Weil: würde die Biologie tatsächlich determinieren, dann gäbe es für die SexistInnen dieser Welt ja weit und breit keinen Anlass zur Klage. Alle Menschen ohne Pimmel würden, von der Biologie diktiert, brav so daher marschieren, wie es sich SexistInnen erträumen.

Weiter gedacht: Würde die Biologie die Menschen determinieren, dann gäbe es keine SexistInnen. SexistInnen gibt es gerade, weil die kleinen Unterschiede so gut wie gar nichts diktieren. SexistInnen sind dann jene Menschen, die immer wieder brüllen: „Aber das geht doch gar nicht! Aber so soll und darf das nicht sein!“ Und während sie kläffen, „Das ist wider die Natur!“, sind sie schon längst widerlegt, denn das, worüber sie sich aufregen, könnte es ja gar nicht geben, wäre es wider die Natur.

Pimmel hin, Muschi her: Der Umstand, dass es SexistInnen gibt, ist somit der Beweis dafür, dass Sexismus falsch ist. Das ist das praktische: diese Ideologie widerlegt sich selbst. Darüber können auch die hilflosen Rekurse der SexistInnen auf „Gott“, Nation, Vaterland usw. nicht hinwegtäuschen. Dabei handelt es sich um die verzweifelten Versuche, das sexistische Weltbild am Zerbröckeln zu hindern. Das Ergebnis ist aber stets dasselbe: Gerade weil es keinen biologischen Determinismus gibt, konstatieren SexistInnen immer wieder die Schädigung der hohen Werte „Gott“, Vaterland usw. Die Klage über die Schädigung ist ihnen ja nur möglich, weil — richtig geraten! — Biologie nichts diktiert! Würde Biologie diktieren, wären Frauen und Männer ja gar nicht dazu in der Lage, so zu handeln, denken, dass dabei — nach Meinung der SexistInnen — eine Schädigung von was-auch-immer heraus kommt.

Damit, liebe Damen und Herren Frauen und Männer, ist das Thema eigentlich schon erledigt. Könnte man meinen. Aber damit täuscht man sich. Denn ganz offensichtlich hat sich ein Teil der feministischen Szene das Biologie-Argument der SexistInnen einleuchten lassen. Anders kann ich es mir derzeit nicht erklären, dass so viel Zeit und Energie damit verschwendet wird, biologische Differenzen zu leugnen. Biologische Differenzen, die sich durchaus vielfältiger gestalten als nur Mann und Frau. Aber, eben, vorhanden sind.

Was stört an der Biologie? Wieso leugnet man sie? Ja wohl, weil man derselben Ansicht ist wie die SexistInnen: dass Biologie determiniere. Und weil einem der Determinationsgedanke nicht passt und einem kein ordentliches Argument dagegen einfällt: schafft man den Körper ab.  Das blöde daran: in Wahrheit unterstreicht man damit die ideologische Figur des Sexismus. Das aber wäre gar nicht nötig. Denn, wie gerade erläutert, widerlegt sich Sexismus selbst. Dass trotzdem so viel Zeit und Energie in die Leugnung biologischer Geschlechter gelegt wird, sehe ich so als vorläufiges Scheitern des Feminismus und Antisexismus. Denn die ganze Geschichte macht nur Sinn, wenn man den grundlegenden Gedanken der SexistInnen teilt: dass Biologie entscheidend sei.

Wenn AntisexistInnen Sexismus verharmlosen

Es hat sich in letzter Zeit eine Art Sexismuskritik etabliert, die selber immer wieder in der Verharmlosung von Sexismus resultiert. Ein Beispiel:

‎“wurde den Besucher_innen am Einlass ein Stempel mit der Aufschrift „Slut“ auf den Körper gedrückt“ – natürlich ohne den begriff irgenwie kritisch zu hinterfrage oder sichtbar zu dekonstruieren, nehm ich an… ganz grosse überraschung, dass es dann zu übergriffen kommt, wenn das „frauenfleisch“ gleich im normativen kontext gelabelt wird. ich kotz gleich!

Die Ansicht, dass es ja keine Überraschung sei, dass es zu Übergriffen komme, wenn die BesucherInnen (ja, auch die mit Pimmel) beim Eintritt ein „Schlampe“ auf die Haut gedrückt bekommen, ist vor allem eines: eine knallharte Verharmlosung von Sexismus. Mehr kann man Menschen, die gegenüber anderen sexuell übergriffig werden, kaum entschuldigen. Denn die konnten angesichts des Stempel ja nicht anders, oder? Kein Wunder, oder?

Ausgeblendet bleibt bei diesen Vorstellungen das Subjekt, das übergriffig wird. An seine Stelle tritt die allmächtige Sprache, die das Subjekt determiniert.

Die Argumentation ist identisch mit der von TäterInnen: Auch diese behaupten von sich, sie könnten ja nicht anders, denn: „Minirock“, denn: „Sie hat mich angelächelt“, denn: „Auf ihrem T-Shirt stand ‚Bitch'“ …. Kurzum: „Ich konnte ja nicht anders!“

Dass es sich dabei um eine elende Rechtfertigungsideologie handelt, kann man alleine schon aus dem Umstand ableiten, dass offensichtlich nicht jedeR übergriffig wird, wenn mit einem „Slut“-Stempel oder einem Minirock konfrontiert. Es braucht offensichtlich anderes, damit es zu einem Übergriff kommt.

Andersrum: Wäre es zu keinen Übergriffen gekommen, wenn auf den Stempel verzichtet worden wäre? Und wer ist eigentlich verantwortlich: Die VeranstalterInnen mit dem Stempel oder vielleicht doch der oder die TäterIn?

Wer sagt: „Keine Überraschung angesichts des Stempels“, arbeitet den TäterInnen zu. Denn in diesem Urteil kommt das handelnde Subjekt nicht mehr vor. Das handelnde Subjekt, das mit Wille und Bewusstsein den Willen anderer bricht — und diese Brutalität damit rechtfertigt, nicht anders zu können. „Keine Überraschung angesichts des Stempels!“

Wenn der Stempel weg ist, ist es die Kleidung. Wenn der Minirock durch einen Kartoffelsack ersetzt wurde, ist es das Lächeln. Wenn nicht mehr gelächelt wird, ist es der Blick. Immer ist es alles mögliche, nur nie der Wille des oder der TäterIn.

Da bleibt den Menschen, die Übergriffe setzen, nur noch eines: Sich herzlichst bei denjenigen zu bedanken, die im Diskursgelaber das Subjekt zum Verschwinden bringen. Danke für die Mitarbeit! Die die Tat rechtfertigende Ausrede flutscht wie eh und je — und wird mittlerweile sogar noch von erklärten AntisexistInnen geteilt!